Geschichte
 

VERLORENES LAND, VERSUNKENE WARFT, KAMPF UM DIE HEIMAT

Halligen waren über Jahrhunderte ungeschützt den ständigen Angriffen der See ausgesetzt. Viele Halligen wie Hayenshallig oder Hingsteness verschwanden ganz und die Halligen, die bis heute existieren, verloren erhebliche Teile ihrer Fläche. Auch heute ist Halligland bedrohtes Land und die Menschen müssen erhebliche Kraft aufwenden, um ihr kleines Eiland zu erhalten.

"Man fragt bewundernd, woher dem Menschen der Mut kam, auf dieser Spanne Land ein Dasein zu gründen? Wie er vermochte, sein Geschlecht Jahrhunderte hindurch fortzuerhalten auf einem Boden, wo ihm alles fehlt, was sonst die Erde gewährt? Wie es möglich ist, eine Heimat zu lieben und mit allen Fasern des Herzens an ihr zu haften, die den Menschen überall nur nur mit Grfahr und Not umgibt? … Freilich wider die Übermacht der Elemente vermag die Menschenkraft den ungleichen Kampf immer nur bis zu einem gewissen Punkte fortzusetzen, um ihr dann zu erliegen; und wie einzelne der Halligen schon von früheren Sturmfluten hinabgerissen wurden, so drohet dasselbe Schicksal auch allen übrigen … und unter diesem Eindrucke wendet man sich mit Grausen von diesen halbverschollenen Schauplätzen eines ohnmächtigen Ringens …"
(H. Masius, Naturstudien über die Halligen, 1868)

LANDVERLUSTE ÜBER DIE JARHUNDERTE

Die erste amtliche Vermessung der Halligen geschieht erst in den Jahren 1802 bis 1807 durch Königlich dänische Landvermesser.

Vorher wird die Bestimmung des Ausmaßes der Hallig vertrauenswürdigen Einwohnern, in der Regel den gewählten Ratleuten, überlassen. Die Obrigkeit benötigt die Fläche als Grundlage der Besteuerung, die Einwohner sind wie zu allen Zeiten daran interessiert, ihre Steuerlast so gering wie möglich zu halten. So neigen die Schätzer nach Augenmaß zu Untertreibungen der Fläche.

Angegeben werden die Flächen damals in den alten Maßeinheiten Demat, etwa ½ Hektar, und Nothgras, etwa 1 Hektar. Zur Vereinfachung werden die Werte in ha angegeben.

1642, nach der Burchardiflut, ist Hooge noch 1440 ha groß, die Einwohnerzahl ist unbekannt. Gut 100 Jahre später, 1757 beträgt die Größe noch 1050 ha, es leben 157 Familien auf 16 Warften. Wieder gut 100 Jahre später, 1877 ist Hooge noch 677 ha groß. 1894 leben 41 Familien mit 139 Personen auf 9 Warften.

Seit der Fertigstellung der Steinkante 1914 treten Landverluste nach außen nicht mehr auf, nur noch an den Prielrändern, die Größe der Hallig Hooge beträgt seitdem einigermaßen stabile 591 Hektar. Um 1970 leben 51 Familien mit 191 Personen auf Hooge. Heute sind es immer noch 51 Familien mit jetzt 110 Personen.

Das bedeutet, Hooge besitzt nach gut 450 Jahren nicht einmal mehr die Hälfte seiner Fläche, aber immerhin es ist noch da – im Gegensatz zu vielen anderen Halligen, früher sollen es einmal über 50 gewesen sein, heute sind es noch 10. Dass überhaupt noch Halligen existieren, ist dem Küstenschutz zu verdanken, der seit gut 100 Jahren die letzten Halligen erhält.

HALLIGSCHUTZ - KEIN GEDANKE

Nach der Burchardiflut von 1643 wird versucht, die Reste der Insel Strand, Nordstrand und Pellworm, neu zu bedeichen, auf den Halligen geschieht nichts dergleichen. Die Idee, auch die Halligen zu befestigen, gerät in Vergessenheit.

Man will die Halligen aber nicht aufgeben, es wird sogar eine Verordnung erlassen, nach der festgesetzt wird, dass die "zum Nordstrande gehörigen Halligen nicht an fremde Örter außerhalb des Landes verkauft oder verpfändet werden".

Für die Halligleute werden im 17. Jahrhundert immer wieder jährliche Abgaben festgesetzt und nach regelmäßigen Protesten und den darauf folgenden offiziellen Besichtigungen, die die Armut des Halliglandes zu Tage bringen, ebenso regelmäßig wieder deutlich herabgesetzt.

1711 befiehlt man von herzoglicher Seite dem Landesinspektor Claasen und dem Deichgrafen Sibbers, nach Mitteln und Wegen zu suchen, weitere Abspülungen der Halligen zu verhindern. Die Beauftragten empfehlen die Errichtung von Dückeldämmen. Konkrete Maßnahmen werden nicht ergriffen.

1732 erklärt eine Declaration der Königlichen Resolution vom 8. Dezember 1731 d.d. 29. April 1732, "die großen und einträglichen Halligen werden für niemals deichbar gehalten" (Corp.Slesvicensium, 606).

1805 erläßt Deichinspektor Salchow Anleitungen zur Entwässerung des Halliglandes.

Der Nordmarscher Pastor Jes Siemsen hat zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits wenig Hoffnung für die Halligen:

"Die Menschenzahl nimmt von Jahr zu Jahr in demselben Verhältniß ab, als das Land wegspült. Die Insel ist sicher nach fünfzig oder sechzig Jahren größtenteils Boden des Meers, und wenn dasselbe Verhältniß des Gestorbenen und Gebornen fortdauert, so werden die Einwohner nach Ablauf derselben Zeit ausgestorben sein."

HALLIGSCHUTZ - MAN DENKT DARÜBER NACH

1825 verliert Hooge in der Februarflut vier Warften, Norderoog wird unbewohnbar, die Beenshallig versinkt, die Schäden auf den Halligen sind unermesslich.

Angesichts der Verwüstungen wird diskutiert, die Halligen aufzugeben, unbewohnt zu lassen. Ein Argument für die Besiedlung der Halligen ist jedoch die Genügsamkeit der Halligleute: sie zögen viel ausländisches Geld herbei und brauchten ihrerseits kaum fremde Erzeugnisse, heißt es. Also läßt man den Halligleuten ihre Heimat.

Erst jetzt beginnt man, eine Steindecke als Sicherung des Halligfußes für notwendig zu erachten. Die dänische Krone erkennt nun die Erhaltung der Halligen als Staatsaufgabe, man plant verstärkten Küstenschutz, Halligschutz im Allgemeinen und vermehrte Landgewinnung.

Nach der Februarflut erstellt Deichinspektor Krebs neue Vorschläge zur planmäßigen Erhaltung der Halligen. Wie die meisten Veränderungen stoßen auch diese Vorschläge zunächst auf Mißtrauen und Ablehnung bei den Halligleuten. Doch die schweren Schäden der Flut führen auch den Halligleuten vor Augen, daß etwas getan werden muß.

Krebs empfiehlt Lahnungen im Watt, eine billige Methode zur Landgewinnung, "obschon ihre erste Anlage kostbar ist".

Die Warften sollen erhöht werden, die Böschungen abgeflacht, die Häuser wieder in Ständerbauweise erbaut werden. Er schlägt Begrüppelung vor und Uferschutzwerke. Es sollen Vorschriften erlassen werden gegen die Auflockerung der Warfterde und Beschädigung durch Dungablagerung.

Es geschieht kaum etwas. Bis in die 1850er Jahre verschwindet der Halligschutz erneut in den Schubladen.

HALLIGSCHUTZ - MAN UNTERNIMMT ETWAS

Im Jahre 1853 will die Kirchengemeinde der Hallig Gröde ein Grundstück auf der Hallig Butwehl, heute ein Teil von Langeneß, verkaufen. Es entspinnt sich eine Debatte, ob ein solches Grundstück überhaupt verkäuflich sei angesichts der Landverluste der Halligen und wieder kommen dabei Für und Wider des Halligschutzes auf den Tisch. Es wird debattiert, manche stehen für den Erhalt der Halligen als Schutz vor der Küste, manche möchten die Halligen als unrentabel ganz aufgeben.

Kapitän von Carstensen, Deichinspektor, will zunächst die Halligen aufgeben, läßt sich dann aber eines Besseren belehren, zumal die Oberdeichgrafschaft des schleswigschen Deichverbandes, mithin also die vorgesetzte Behörde, die Bedeutung der Halligen und Inseln als Bollwerke für die Schleswiger Festlandsmarschen bereits erkannt hat. Jetzt plädiert von Carstensen dafür, einige Halligen mit Dämmen zu verbinden, andere landfest zu machen.

Anfangs geht man nach dem Bericht einer Untersuchungskommission davon aus, nur die größeren Halligen zu retten, später werden dann auch kleine Halligen ins Schutzprogramm aufgenommen. 1859 entsteht die Dänische Kommission für Landgewinnung, deren Tätigkeit durch den preussisch-dänischen Krieg von 1864 unterbrochen wird.

Erst 1866 setzt eine jetzt preussische Kommission für Schleswig-Holsteinische Wasserbau-Angelegeheiten die Arbeit fort. Schutzmaßnahmen werden von der Staatskasse finanziert, aber erst im Jahre 1894 beginnt man mit ersten Baumaßnahmen. 1896 bewilligt der preussische Landtag schließlich mehr als 1 Million Mark für Steindecken zur Sicherung der Halligkante, für Pfahlbuhnen und Buschlahnungen zum Landgewinn. Man beginnt, Dämme zu errichten vom Festland nach Oland, nach Nordstrand und Nordstrandischmoor. Die Arbeiten dauern bis in den ersten Weltkrieg, Hooge erhält von 1911-1915 einen fast vollständigen Steindeichschutz. In den 1920er und 30er Jahren erhalten auch die anderen Halligen einen fast vollständigen Steindeichschutz. Die einzige Ausnahme ist Norderoog. Seit den 1930er Jahren ist der Bestand der Halligen nun endgültig gesichert.

Die Befestigungen mit Steinkanten und die Eindeichungen haben auch andere Folgen, denn nun sind Häfen notwendig, wo man vorher bei entsprechender Tide einfach in den Priel hineinfuhr. In der Hallig herrschen damals ja noch Ebbe und Flut. Siele müssen jetzt angelegt werden, um das Wasser gesteuert und kontrolliert in die Halligpriele und wieder hinausfließen zu lassen. Die Hooger Außenschleuse entsteht bereits 1916 mit der Fertigstellung des Deichs, die Innenschleuse wird in der dreißiger Jahren fertig. "Der Deich muß nun auch gepflegt werden," berichtet Siegfried Baudewig:"wenn im Winter Schäden entstehen, wird zunächst notdürftig geflickt, zunächst mit Stroh, Bestricken nennt man das. Im Frühjahr darauf werden dann die schadhaften Stellen mit Soden regulär ausgebessert."

GALERIE VOM LANDVERLUST UND HALLIGSCHUTZ
Habel im Abbruch 1914
Oland 1895
Landunter, Langeness 1930
Hooge, Abbruchkante 1914
Alt-Peterswarft, Nordmarsch 1900
Halligkante, Nordmarsch 1920
Sommerdeich, Hooge
Besticken des Deiches, Hooge 1925
Jahreszahl im Hooger Sommerdeich
Hooge, Hallighafen, Schleuse