Geschichte
 

DIE NEUE ZEIT HÄLT EINZUG AUF DEN HALLIGEN

Auf den Halligen kam die Moderne recht spät. Lange nachdem in den Städten elektrisches Licht und fließendes Wasser selbstverständlich waren, brannte man auf den Halligen noch Ditten und beleuchtete seine Stube mit Petroleum. Die Halligen liegen bis in die Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts etwas abseits der modernen Welt.

VERBINDUNG ZUR AUSSENWELT – DIE SCHIFFSVERBINDUNG

Ein regulärer Postdienst ensteht nach dem preussisch-dänischen Krieg 1864, als das Herzogtum Schleswig und mit ihm die Halligen preussisch wird.
Die preussiche Verwaltung organisiert nun den Küstenschutz, das Seezeichenwesen, die Verwaltung und auch den Postdienst. Seitdem gibt es im Halligmeer reguläre Postschiffer.

Bis in die zweite Hälfte des 20 Jahrhunderts halten kleine Segel- und Motorboote den Verkehr zwischen den Halligen und kleinen Festlandshäfen aufrecht, die meist Sielhäfen sind und aus kaum mehr als dem Siel und einem Wirthaus bestehen.

Hooge hat seine reguläre Post- und Passagierverbindung zum Festland bis 1965 über Pellworm, wo der Straßenname Hooger Fähre immer noch darauf hinweist. Das Schiff fährt nach Landsende bei Ockenswarft. Heute legt dort nur noch das Ausflugsboot von Pellworm an.

Zusätzlich existiert damals eine mehr oder minder regelmäßige Verbindung mit kleineren Booten über den alten Sielhafen Bongsiel, über die zunehmend auch Tagesgäste vom Festland nach Hooge gelangen.

Auch von den großen Bädern auf Amrum und Föhr, Wyk und Wittdün, kommen bereits früh Dampfer mit Tagesgästen auf die Hallig Hooge.

Ab 1951 gibt es eine regelmäßige Verbindung Festland-Langeneß-Hooge durch die Reederei Jacobs von Langeneß. Die Reederei Jacobs richtet den regulären Liniendienst über Bongsiel ein. Ab 1960, nach der Errichtung des Hauke-Haien-Kooges 1959, läuft der Liniendienst über den neuen Hafen Schlüttsiel. 1960 erwirbt man die Fähre Amrum und benennt sich um zu Amrumer Schiffahrtsgesellschaft (ASAG), 1971 fusionieren ASAG und die Wyker Dampfschiffsreederei, WDR, die schon seit Ende des 19. Jahrhunderts die Inseln versorgt. Die WDR versorgt die Halligen bis heute im Liniendienst, sommers meist zweimal täglich, winters in der Regel fünfmal wöchentlich und zusätzlich mit Schiffen für Tagesausflüge.

GALERIE VOM VERKEHR MIT DEN HALLIGEN

Oland mit Booten 1900
Salondampfer um 1900
Wirtschaft, Backenswarft, Hooge, 1910
Schlüttsiel - Tor zu den Halligen
Im Winter auf dem Schiff
Anleger, Hooge
VERBINDUNG ZUR AUSSENWELT – TELEGRAF UND TELEFON

Telegrafenverbindung zum Festland hat Hooge seit 1890. Zwei Jahre zuvor, im Drei-Kaiser-Jahr, hatten die Hooger vom Eis eingeschlossen und ohne Kontakt zur Außenwelt noch den Geburtstag Kaiser Wilhelms I gefeiert, als dieser bereits verstorben war. Später gab es auch ein Telefonkabel und nachdem die Hallig Strom hatte, auch Fernsehen. Das alte Telefonkabel verläuft ringförmig über Inseln und Halligen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfährt es auf Hooge eine völlig neue Nutzung, erzählt Siegfried Baudwig.

"In alter Zeit verläuft das Telefonkabel ringförmig über Inseln und Halligen, lange Zeit ist es schon außer Betrieb. Nach dem Krieg nun, es ist lange nichts an den Häusern getan worden, die jungen Männer sind alle gerade erst von der Front oder aus der Gefangenschaft zurück, soll renoviert werden.

Zement ist da, Kies holt man sich aus dem Watt. Aber der Baustahl ist knapp und teuer in dieser Zeit. Da erinnert man sich an das alte Kabel, es verläuft schließlich auch über den Japsand vor der Hallig Hooge. Also gehen die Männer durchs Watt nach Japsand, graben das alte Kabel aus, zerschneiden das Metall und tragen es Stück für Stück auf ihre Hallig. So mancher Bau oder Zaunpfahl aus Beton erhält noch heute Halt durch den Stahl aus dem alten Kabel."

Heute unterscheidet sich eine Hallig auch, was Telefon, TV und Internet angeht, kaum noch von einem Dorf auf dem Festland.

DIE FREMDEN KOMMEN – TOURISMUS AUF DEN HALLIGEN

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommen die ersten Fremden auf die Halligen, zuerst oft als Tagesausflügler von den aufstrebenden Seebädern Wyk auf Föhr und später auch Wittdün auf Amrum, aber auch vom Festland. 1871 beschreibt Theodor Storm in der Novelle Die Halligfahrt voller Begeisterung einen sommerlichen Tagesausflug zur Hallig Süderoog.

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ist der Tagesgast eine eher gefürchtete Spezies auf den Halligen. Bereits 1924 berichtet ein Buch über die Nordmarschen von Problemen.

"Täglich überschwemmt im Hochsommer diese lärmende, geputzte Menschenmenge die einfache Hallig. Jubelnd eilen die Gelandeten über die blühenden Wiesen, raffen Hände, ja Arme voll blühender Blumen, dringen unverfroren in die Häuser, gucken in alle Ecken und Winkel, knipsen ungeniert alles, von der Großmutter bis zum Säugling, vom Pastor bis zum Hütejungen …"

"Die Touristendampfer, die Hooge vor dem Zweiten Weltkrieg von den Inseln aus besuchen, kommen schon damals meist über den Anleger an Backenswarft",erzählt Siegfried Baudewig, "man kann am heutigen Windstein noch Reste des einstigen Anlegers erkennen."

Der Königspesel auf Hanswarft ist früh eine viel besuchte Sehenswürdigkeit. Auch über Landsende nahe Ockenswarft kommen Gäste, es etabliert sich mit Boyens Gasthaus auch Hooges erste Gastwirtschaft auf Ockenswarft.

Auf Backenswarft beherbergt die Familie Baudewig 1926 die ersten Gäste, wie sich Siegfried Baudewig erinnert:

"Die Fremden erhielten volle Kost und Logis." Die Mahlzeiten für die Gäste seien opulent gewesen, erzählt Siegfried Baudewig. Er fragt sich heute noch, wie die Mutter damals solche Mahlzeiten zustandegebracht hat. Die Familie selbst isst bescheidener. Die Gäste wohnen in den Kammern der Kinder, die Kinder schlafen im Sommer auf dem Heuboden. Als Junge, erzählt er weiter, führt er selbst Gäste durchs Watt nach Hallig Norderoog. "Die Stadtmenschen fühlten sich schon als großzügige Menschen, wenn sie dem armen Halligjungen dafür ein paar Pfennige geben, Pfennige, die schon damals nichts wert waren."

Eine der Ideen des ersten Halligschutzplanes in den 1950er bis 60er Jahren besteht darin, den Fremdenverkehr zum zweiten Standbein für die Halligbewohner zu machen. Mittlerweile ist der Fremdenverkehr von zentraler Bedeutung, die meisten Halligbewohner erzielen einen erheblichen Teil ihres Einkommens durch Vermietungen an Feriengäste.

Zwei Gruppen von Besuchern kommen auf die Hallig. Zum einen die Tagesgäste, die für einige Stunden von den Inseln oder vom Festland kommen, zum anderen die Feriengäste, die länger auf der Hallig Urlaub machen.

In den 1930ern kommen insgesamt knapp 8000 Tagesgäste pro Jahr auf die Halligen, heute sind es weit mehr als 150000 allein von Schlüttsiel. Dazu kommen noch die Schiffe von den Inseln, von Nordstrand oder Husum. 1951 kamen 20000 Tagesgäste nach Hooge, mittlerweile sind es bereits fünfmal so viele. Hooge hat heute mehr Fremdenverkehr pro Einwohner als Sylt.

Für die Halligbewohner bedeuten die hohen Besucherzahlen auch einen beträchtlichen Eingriff in das Privatleben. Die Feriengäste, die Ruhe erwarten, fühlen sich oft gestört. Aber auch die Übernachtungen auf Hooge sind mehr geworden. Hatte Hooge 1938 mit ungefähr 25 Betten gut 1000 Übernachtungen, waren es 1969 in 260 Betten schon gut 16000; heute hat sich die Bettenzahl ungefähr konstant gehalten, aber es sind doppelt so viele Übernachtungen pro Jahr.

GALERIE VON DEN FREMDEN
Gasthaus, Ockenswarft, Hooge, 1930
Touristen am Königspesel, Hooge, 1930
Schulwarf (Ockelützwarf), Hooge 1908
Maler auf Hooge um 1915
Der alte Hooger Anleger
Fähre, Hooge
Fähre der WDR.
KNAPP DAVONGEKOMMEN - DIE STURMFLUT VON 1962

Der Sturm bläst schon seit Tagen mit 9 bis 10, in Böen 12 Windstärken, in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar wird die Sturmtide noch von einer Fernwelle aus dem Atlantik verstärkt. Es kommt zu bisher nie dagewesenen Scheitelwasserständen von mehr als 5,5m über NN. Deiche brechen an vielen Stellen, tausende Hektar Hamburger Stadtgebietes werden überflutet, auf den Halligen richtet die Orkanflut schwere Schäden an. Die meisten Halligbewohner überleben die Flut in den Dachgeschossen ihrer Häuser.

In der Hooger Schulchronik hält der Lehrer seinen Kampf gegen die Flut fest:

"… Um 21.45 ist der Garten vor der Schule schon voller Seewasser. Ziemlich starke Wellen schlagen nun gegen die Warft. Der Gischt wird vom Sturm weggeblasen. Um unseren Brunnen […] gurgelt Seewasser. Wir pumpen in der Küche sämtliche Behälter, die wir besitzen, […] mit Wasser voll. Trinkwasser wird bald knapp sein. Um 21.45 Uhr wird im Norddeutschen Rundfunk eine Wasserhöhe von zweieinhalb bis drei Metern über Mittlerem Hochwasser vorausgesagt. Doch bis zur Hochflut sind noch zwei Stunden Zeit. […]

Es ist ungefähr 22.00 Uhr. Als ich nach einem Gang in die Küche wieder zur Schultür im Westen komme, ist die eine Hälfte der Tür verschwunden. Auch die Ölfässer sind nicht mehr da. Ich befürchte nun das Schlimmste, zumal wir die anderen Bewohner der Warft nun auch nicht mhr telefonisch erreichen können. In dem ohrenbetäubenden Lärm, den Orkan und See hervorrufen, verrammele ich die Zwischentür zum Westen mit schweren Planken. Das Wasser dringt nun durch die offene zerschlagene Schultür in den westlichen Teil des Schulgebäudes. Durch die feste Hastür im Westen, die wir dicht verschlossen haben, dringt in scharfen Strahlen Wasser, wenn die Wellen heranrauschen. […] Vor dem Küchenfenster steigt das Wasser bis zur Fensterhöhe und dringt durch die Fensterritzen. [..] Das Wasser steigt und steigt. Ich bemerke, daß in der Nordwestecke des Hauses ein Loch entstanden ist, durch das Wasser hereinströmt, doch ich kann nichts dagegen unternehmen. Es ist 23 Uhr. Das Wasser hat seinen Höchststand nach dem Flutkalender eigentlich noch nicht erreicht. Doch wir bemerken, daß es nicht mehr steigt. Wir schöpfen weiterhin eindringendes Wasser in Eimer.

Gegen zwei Uhr kann ich die Haustür wieder öffnen und nach draußen schauen: ein schreckliches Bild! Alles ist verwüstet. […]"

Die Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962 hinterläßt auf den Halligen 150 zerstörte Häuser, aber zum Glück kommt niemand zu Tode. Auf Hooge erleiden bis auf zwei alle Häuser kleinere oder größere Schäden. Nach Ablaufen der Flut besteht akuter Wassermangel, alle Fethinge sind versalzen. Schiffe bringen Frischwasser zu den Halligen, Feuerwehren helfen beim Auspumpen der Fethinge. Wolldecken, Schokolade und Kleidung werden gespendet. Jede Familie erhält zur Linderung der ersten Not 250,- DM. Man macht sich ans Aufräumen.

FLUTRÄUME, LICHT UNDF STROM – DIE MODERNE HÄLT EINZUG

Das Programm Nord der 1950er-60er Jahre bringt den Halligen Strom, fließendes Wasser und neue Häuser.

Bereits in den dreissiger jahren bauen manche findigen Halligmänner kleine Windräder zur Stromerzeugung. So kann man erstmals elektrisches Licht betreiben - eine schwache Birne nur, aber dennoch – und, erzählt Siegfried Baudewig, vor allem das Radio, den Volksempfänger, hören. Man bekommt Kontakt zur Welt.

1959 endet die Zeit von Glühstrumpf und Gaslampe - Hooge erhält Strom, die SCHLESWAG verlegt ein 20000-Volt-Kabel von Pellworm durchs Watt, die Hooger können ihr Lichtfest feiern.

Als die Hallighäuser nach der Sturmflut von 1962 mit Schutzräumen versehen werden sollen, stellt man fest, daß die Häuser zum größten Teil baufällig sind. Fast 80% sind älter als 100 Jahre, knapp 30% sogar älter als 200 Jahre und ungefähr 70% der Häuser sind eigentlich nur noch als abbruchreif zu bezeichnen.

So werden die Halligen im Rahmen des Programm Nord saniert, die Häuser werden neu gebaut oder mindestens von Grund auf saniert und erhalten Schutzräume auf Ständern, die tief in der Warftboden reichen. Die Warften wuerden erhöht. Die neuen Häuser sind zweckmäßig, modern, kaum von Tradition geprägt.

Die Bauern erhalten ab 1962 Jahren staatliche Mittel, günstige Kredite, für moderne Scheunen und Ställe. Doch beginnt jetzt auch der Fremdenverkehr eine immer größere Rolle zu spielen, so daß die neuen Scheunen und Ställe nach und nach zu Ferienwohnungen werden. Ursprünglich wirtschaften auf Hooge 30 Landwirte, heute existiert noch ein Vollerwerbsbetrieb.

Sehr viele alte Hallighäuser fallen dem Halligerneuerungsprogramm in den 1960er Jahren zum Opfer, Georg Quedens kritisiert in seinem Buch Die Halligen den "bemerkenswerten Mangel an Geschmack", mit dem die Modernisierung durchgeführt worden sei, und der romantisch veranlagte Feriengast mag versucht sein, ihm da zuzustimmen. Aber auch dieser Feriengast möchte, verbringt er seinen Urlaub auf der Hallig, nicht auf modernen Komfort verzichten. Und man kann es auch dem Halligleuten nicht zumuten, in einem Museum zu leben. Die Romantik alter Häuser ist oft bei denen am stärksten ausgeprägt, die nicht in ihnen leben.

Die alten Reetdächer werden meist durch moderne Dächer abgelöst und dabei denkt man in erster Linie praktisch wie Siegfried Baudewig berichtet:

"Reet muss sich erst vollsaugen, bevor es Wasser für den Hausgebrauch abgibt, das Wasser ist braun, schmutzig und die Sinkstoffe müssen sich erst langsam absetzen, bevor das Wasser genutzt werden kann. Die Neuen Dächer geben das Wasser gleich verhältnismässig sauber ab, es kann gleich genutzt werden. In den Zeiten vor der Wasserleitung ein nicht zu verachtender Vorteil."

Die neuen Häuser erhalten neue Fenster, zum ersten Mal gibt es Bäder, zunächst noch ohne fließendes Wasser. Die neuen Toiletten werden mit Salzwasser gespült, vorher gab es nur das alte Plumpsklo im Stall.

1968 endet die Zeit von Fething und Soodbrunnen. Hooge erhält zum ersten Mal fließendes Wasser, zunächst gibt es eine Zapfstelle auf Ockenswarft, ab 1970 dann Anschlüsse für jeden Haushalt. "Die Hauptleitungen", berichtet Baudewig, "werden an den geraden Wegen mit Maschinen eingegraben, die Hausanschlüsse auf die Warften vergraben die Halligmänner selbst mit dem Spaten."

Die Sturmflut vom 3. Februar 1976 richtet erneut schwere Schäden an, die neuen Häuser aber halten dem Wasser nun besser stand. 1977 wird ein zweites Halligsanierungsprogramm ins Leben gerufen. Jetzt werden Fenster und Türen der Häuser mit Luken aus seefest verleimtem Holz versehen.

Die Modernisierungen verändern den Charakter der Halligen. In der Blütezeit der Halligen im 17. und 18. Jahrhundert, beherbergen die Warften kleine Dörfer. Heute gibt es nur noch zwei Warften, deren Bebauung an diese Zeit erinnert: Die Warft von Hallig Oland und Hanswarft auf Hallig Hooge. Die früher allgegenwärtigen Reetdächer sind wegen der hohen Kosten bis auf Ausnahmen verschwunden. In alter Zeit befährt der Halligbewohner mit flachgehenden Booten die Priele, heute sind Straßen vorhanden und selbstverständlich fahren auch die Menschen auf der Hallig Auto. Auch die Windmühlen, die ehemals jede Hallig zieren und zur Versorgung mit Mehl aus zugekauftem Getreide unabdingbar sind, sind heute verschwunden. Auf Mitteltritt existiert als Reminiszenz lange noch ein künstlerisch bearbeiteter Pfahl einer solchen Bockmühle. Heute ist auch er verschwunden.

GALERIE DER NEUEN ZEIT
Erste Hooger Gästekutsche, 1970er
Hallighaus, Hooge
Hallighotel, Hooge
Schutzraum am Hallighaus, Langeness
Modernes Hallighaus, Hooge
Moderne Hallighäuser, Hooge
Moderne Fenster und Ölheizung...
Hooger Anleger beleuchtet