Geschichte
 

DIE SEEFAHRER

Dieses Kapitel behandelt den langen Zeitraum von der ersten friesischen Besiedlung Nordfrieslands bis zum Ende der großen Zeit der Halligen, der Seefahrerzeit um 1800.

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MARSCHEN, PRIELE UND PIRATEN – VON DEN ALTEN UTHLANDEN BIS ZUR SEEFAHRERZEIT

Die Friesen bewohnen zunächst das Gebiet zwischen Rhein- und Elbemündung, werden vom römischen Feldherrn Drusus erwähnt und unterworfen und sind bereits in der Römerzeit als Seefahrer berühmt. Friesen beherrschen bis ins frühe Mittelalter die Handelsrouten nach England und Schweden. Um das Jahr 800 wandern die Friesen dann von Süden her nach Nordfriesland ein, während von Norden die Dänen kommen. Archäologische Funde zwischen Hallig Hooge und Japsand belegen eine friesische Landnahme um diese Zeit.

IM HOHEN MITTELALTER

Im Mittelalter gehört das Halligland dem Dänenkönigs in seiner Eigenschaft als Herzog von Schleswig und Lehnsmann des römisch-deutschen Kaisers. Die dänische Südgrenze im frühen und hohen Mittelalter markiert die Eider, nördlich davon leben die Friesen. Der Westen Schleswigs und mit ihm die alten Uthlande liegen etwas abseits der Geschichte. Die politischen Wirren des Mittelalters berühren die Menschen dort nur selten direkt, wohl aber Fluten und der Kampf und die Erhaltung des Landes. Piraten plagen das die Einwohner und Pestzüge fordern viele Opfer.

Die ersten schriftlich erwähnten Halligen finden sich 1231 im sogenannten Erdbuch des Dänenkönigs Waldemar II. Sejr. Von Hjortsand ist die Rede und Aland, gemeint sind die ehemalige Hallig Jordsand, heute nur noch eine Sandbank, und Hallig Oland. Jedoch erwähnt das Erdbuch nur Ländereien, aus denen der König Einkünfte bezieht, ein geographisches Interesse besteht noch nicht.

Die ersten geographisch einigermaßen korrekten Karten stammen aus dem Jahr 1597 von Johannes Petreus, 1638 von Peter Sax und 1652 von Johannes Meier. Auf diesen Karten sind auch zum ersten Mal Halligen verzeichnet.

Urkundliches über Landverluste vor der ersten Großen Mandränke ist kaum bekannt, die Sturmfluten des Mittelalters schwächen aber bereits vor 1362 langsam und stetig die alten Uthlande, hochmittelalterliche Deichbaumaßnahmen ab 1100 können da wenig verhindern.

Seit der Jahrtausendwende machen dazu schwedische und dänische Seeräuber die friesischen Küsten unsicher. Schleswigs Herzog Knud Lavard, der die Seeräuber niedergehalten hat, wird 1131 ermordet, es kommt zu Thronstreitigkeiten, die herzogliche Macht schwindet, die Seeräuber gewinnen die Oberhand.

Pest und Hunger dezimieren die Bevölkerung, Sturmfluten schwächen die Deiche. Es fehlt an Menschen zur Instandhaltung.

Die Uthlande reissen nach und nach auseinander. Die Marsch besteht schon vor dem Ende eher aus vielen halligartigen Flächen mit Prielen und Wasserläufen als aus geschlossenem Marschland.

Die Menschen wissen nichts von den sedimentgefüllten Schmelzwassertälern aus der letzten Eiszeit, die unter ihren Füßen liegen. Sie haben auf Sand gebaut. Kleine Priele werden im weichen Boden schnell größer und verbreitern sich zu tiefen Prielströmen.

1362 läßt die erste Große Mandränke die alten Uthlande versinken.

DIE ERSTE GROTE MANDRÄNKE

In der Nacht auf den Marcelustag (16 Januar) um Mitternacht erhob sich ein so fürchterlicher Sturm, dass de festesten Gebäude sowie Kirchen und Türme einstürzten und die dicksten Bäume umgeweht wurden schreiben die Norder Jahrbücher über die erste Große Mandränke. Auf Nordstrand gehen 25 Kirchen unter, im ganzen Bistum Schleswig 51. 47 Kirchen nördlich der Eider verschwinden.

Auch die erste Kirche der Gemeinde Hooge geht in dieser Flut unter und es soll fast 300 Jahre dauern, bis sie eine zweite bekommt. Die überlebenden werden auf Pellworm in der Alten Kirche eingepfarrt. Damals trennt Hooge nur ein schmaler Priel von der Insel. Doch als der Priel immer tiefer wird, bis schließlich das heutige Rummelloch entsteht, erhält die Gemeinde Hooge im Jahr 1600 schließlich einen eigenen Geistlichen.

Nach der Flut sind viele kleine und größere Landreste übriggeblieben, die zum Teil bereits bei leicht erhöhtem Wasserstand überflutet werden und den Bewohnern der umliegenden Inseln lediglich zur Heugewinnung dienen. Der Wiederaufbau der zerstörten Lande gestaltet sich mühsam, die Bevölkerung ist stark zurückgegangen durch die Flut, durch Pestzüge und Seeräuberüberfälle.

PEST UND PIRATEN

In Europa gilt die Zeit nach dem Abflauen der großen Pestzüge des 14. Jahrhunderts als Periode individuellen Wohlstandes (Braudel), die Arbeitskräfte sind knapp, die Löhne hoch, die Lebensbedingungen gut. Nicht so in den Uthlanden.

Die Übergänge zwischen Seeräuberei und legalem Kleinkrieg liegen oft in der Rechtsauffassung des jeweiligen Herrschers begründet. Auf Föhr belagert 1374 König Waldemar Atterdag seinen ehemaligen Marschall, den in Ungnade gefallenen Ritter Claus Limbeck, der sich der Seeräuberei verschrieben haben soll.

Im späten 14. Jahrhundert treibt sich auch der legendäre Klaus Störtebecker mit seinen Likedeelern im Halligmeer herum. Der Dithmarscher Pirat Cort Widerik soll der Legende nach auf Norderoog einen Sohn zurückgelassen haben, der noch lange auf Halligen und Inseln herumgespukt sei. Die Halligen gelten als gutes Versteck für Seeräuber, sie sind übersichtlich und gut zu verteidigen, im Watt sind die flachgehenden kleinen Piratenschiffe im Vorteil gegenüber den großen Kriegskoggen. Piraterie wird in dieser Gegend oft zur Menschenjagd betrieben und auf den Halligen werden die Sklaven gefangengehalten, bis der Händler kommt.

Der letzte Seeräuber ist Anfang des 16. Jahrhunderts Pidder Lüng aus Hörnum auf Sylt, nach seinem Tod gewinnt die Herzogsmacht langsam wieder die Oberhand und die Piraterie verschwindet.

Ungefähr 1425 beginnt in Nordfriesland die Heringsfischerei zu florieren, große Schwärme verlagern ihre Züge von Schweden in die südliche Nordsee, es gibt wieder Arbeit und Brot für die Uthländer.

SALZ AUS DEM WATT

Die Salzgewinnung aus Torf erfolgt im Wattenmeer über fast 800 Jahre bis gegen Ende des 18 Jahrhunderts. Der nordfriesische Salzabbau trägt mit seiner Entwässerung und der Torfstecherei selbst maßgeblich dazu bei, dass das Land unter das Niveau des mittleren Hochwassers absinkt; wenn jetzt der Deich bricht, wird das Land schnell und irreversibel überflutet und verwandelt sich in Watt. Man gräbt sich den Boden weg, auf dem man lebt.

Auf dem Halligsockel vor Nordmarsch-Langneß-Butwehl wird viel Salztorfgewinnung betrieben, deren Spuren man noch heute im Watt sehen kann. Auch vor Gröde-Apelland wird abgebaut, ebenso auf dem Sockel der mittlerweile versunkenen, einstmals aber bedeutenden Hallig Hingsteness.

Der abgebaute Torf wird getrocknet, zerstossen und verbrannt, die Asche wird mit Salzwasser vermischt, in großen Haufen gesammelt bis zum Spätsommer, dann wird das Salz herausgekocht.
Im 18. jahrhundert gibt man den Salztorfabbau endgültig auf, das Salinensalz ist reiner und billiger.

Immer wieder richten Sturmfluten schwere Schäden an, im 15. Jahrhundert gibt es sechs schwerere Sturmfluten, die schwerste Flut des 16. Jahrhunderts fordert 1532 viele Todesopfer. Im 17. Jahrhundert werden Deiche und Warften immer wieder schwer geprüft. Am 20 und 26. Februar 1625 fordert die Flut auf Hooge 10 Menschenleben. 1627 bis 1630 richten Sturmfluten erhebliche Schäden an, aber noch halten die geschwächten Deiche, halten sich Landverluste der Halligen in gewohnten Grenzen.

Dann kommt die große Nordstrander Flut vom 11. Oktober 1634.

DIE ZWEITE GROTE MANDRÄNKE – DIE BURCHARDIFLUT VON 1634

Es hagelt, donnert und blitzt an diesem Neumondtag im Oktober. Der Wind kommt erst aus Südwest, dreht dann auf Nordwest, gegen 18 Uhr setzt die Flut ein, schon vor 21 Uhr geht das Wasser über die Deiche.

Ein Augenzeuge berichtet darüber.
"Nach einer kleinen Stunde, um 10 Uhr abends, war alles vorbei; da hatte Nordstrand aufgehört zu sein; da waren mehr als 6200 Menschen und 50000 Stück Vieh dort ertrunken; da waren die Deiche der Insel an 44 Stellen durchbrochen; da lagen 30 Mühlen und mehr als 1300 Häuser zertrümmert nieder; da war vernichtet die Heimath und das Glück von mehr als 8000 Menschen."

Die große Insel Strand ist in unzählige Halligen zerrissen.

Nur Nordstrand und Pellworm werden wieder bedeicht.
Von den Mittelstücken bleiben nur Nordstrandischmoor und die Hamburger Hallig, der ehemalige Amsinck-Koog, alles andere versinkt nach und nach.

Es gibt 6400 Tote, fast 200 allein auf den Halligen. Hooge beklagt 43 Tote, Nordmarsch 48, Langeneß 38, Butwehl vier, Südfall 46, Süderoog zehn, Oland vier und Gröde einen Toten.

Zwischen 1593 und 1653 gehen auf Hooge sieben Warften verloren, schreiben die Ältesten damals in einem Aktenstück.

Die untergegangene Kirche des Alt-Nordstrander Ortes Osterwohl liefert das Baumaterial für die neue Hooger Kirche: Backsteine, Gestühl, Taufe, Kanzel und Chorgitter finden so neue Verwendung.

Deswegen weisen Halligkirchen, auf Hooge, auch auf Langeness oder Oland, ein interessantes und auf dem Festland unübliches Phänomen auf: Die Inneneinrichtung ist älter als die Kirche. Auf den Halligen werden Kirchen nicht von Sturmfluten verschont und ihre Nachfolgebauten gerne mit den mit aus den Fluten geborgenen Teilen ausgestattet oder gar aus Steinen untergeganener Kirchen erbaut. Denn auch Steine sind damals rar auf den Halligen.

1642 ist die Kirche auf Hooge fertig, sie wird Johannes geweiht, einem der Fischer, die Jünger Jesu wurden.

Nach der Katastrophe von 1634 wird das Landgeld, die Steuer, für die Halligleute zunächst herabgesetzt, 1661 aber bereits wieder auf 80 Prozent des ursprünglichen Betrages erhöht.

NACH GRÖNLAND, JAPAN UND ZURÜCK – DIE SEEFAHRERZEIT DER HALLIGEN

Vom späten Mittelalter bis in die Neuzeit leben die Seeleute von den Halligen recht auskömmlich vom Heringsfang. Bereits in der frühen Neuzeit fahren Halligmänner zur See, um Handel zu treiben. Hallig Oland besitzt im 16. Jahrhundert sogar ein volles Seegericht nach altem Visbyer Seerecht, im 17. Jahrhundert geht das Seegericht nach Husum, Oland verliert an Bedeutung. Ende des 16. Jahrhunderts bleiben großen Heringsschwärme aus, durch die Burchardiflut 1634 erleiden die Halligen große Verluste an Weideflächen, mehr Halligmänner als zuvor benötigen andere Einkunftsmöglichkeiten.

Im 16. und frühen 17. Jahhundert gelten Basken als hervorragende Seefahrer Sie entdecken wohl auch die Walfanggründe vor Spitzbergen. Auch niederländische und englische Reeder bedienen sich gerne baskischer Mannschaften für die Grönlandfahrt, die Jagd nach dem Wal vor Spitzbergen, das man damals noch für die Ostküste Grönlands hielt.

Als 1588 die Spanier ihre Armada gegen die Briten verlieren, verbietet der spanische König seinen Untertanen auf protestantischen Schiffen anzuheuern. So auch den Basken.

1632 erläßt auch der französische König ein Verbot für seine baskischen Untertanen, auf niederländischen Schiffen anzuheuern.

Die entstehenden Lücken füllen vor allem niederländische Reeder mit Friesen von Inseln und Halligen. Sie gelten als gute, erfahrene Seeleute, belastbar und anspruchslos, mit guten Kenntnisse in Navigationslehre und Mathematik. Angemustert werden konnte ab dem 14 Lebensjahr.

1661 erhalten die "Nordstrander Halligen" mit 12 Schiffen vom englischen König Charles II. die "Freiheit, mit nordischen Waaren auf England zu fahren".

1668 gibt es Zollerleichterung für Fahrten nach Norwegen durch den dänischen König Frederik III von Dänemark und Norwegen.

Junge Halligmänner wollen es jetzt ihren Vätern und Brüdern nachtun und zur See gehen.

"Nach dem harten Winter im Frühjahr hatte ich solches Verlangen und Trieb zur See, obschon meine liebe Mutter mich noch gerne ein Jahr länger wollte zu Hause behalten, durch Furcht, weil sie ihren lieben Ehemann und ältesten Sohn zugleich im Wasser verloren hatte. Und mich doch nicht konnte davon abhalten."
(Paul Frercksen, 15 Jahre alt, Tagebuchnotiz 1740, aus: Lorenz: Seefahrtsepoche der Halligen)

AUF DEN WAL

Der Walfang dient zunächst der Gewinnung von Waltran, der zur Beleuchtung engesetzt wird, später, ab Mitte des 19. Jahrhunderts, geht es um Barten (irrtümlich Fischbein genannt), Knochen und das wertvolle Ambra (Spermaceti) der Pottwale. Der Rest des Tieres wird versenkt.

Zunächst fahren Friesen nur in niederländischen Diensten, später aber rüsten zu Wohlstand gekommene Kapitäne auch eigene Schiffe aus. Sie unterhalten sogar eine eigene Trankocherei auf Spitzbergen, die Harlinger Kocherei nahe der niederländischen Niederlassung Schmeerenburg.

1645 endet das Monopol der niederländischen Nordischen Kompanie, der Walfang ist nun frei. So fahren jetzt jeden Sommer hunderte von Booten mit tausenden von Seeleuten ins Eis.

Durch die intensive Bejagung werden die Wale bereits zu dieser Zeit weniger, der Fang wird immer risikoreicher, man rückt immer näher an die Eiskante heran. Und man fährt jetzt auch bis nach Grönland.

"Die höchste Zahl Grönlandfahrer war im Jahre 1683; sie betrug 242 Schiffe, die größte Menge der zerlegten Fische [sic!] im Jahre 1701; nämlich 2073 ¾. Diese lieferten 67317 Fässer Speck."
(Nach Posselt, in See, 23)

Doch auch andere Nationen entdecken die Grönlandfahrt und verdrängen die Niederländer. Im Jahre 1785 fahren nur noch 68 niederländische Walfänger aus. Ende des 18. Jahrhunderts ist der Grönlandwal naherzu ausgerottet.

Zur Blütezeit des Walfangs wird auf allen Halligen am 21.02. am Vorabend des Petrifestes das Biikenfeuer zum Abschied für die Grönlandfahrer entzündet.

Wenn der Wind gut steht, fahren die Halligmänner mit Schmackschiffen nach Amsterdam, dem Heimathafen der niederländischen Walfangflotte.

Die Walfänger laufen in der Regel Anfang April aus, Robbenfänger sechs Wochen früher. Die Schiffe bleiben im Fanggebiet bis Ende August, danach wird es in Sturm und Nebel zu gefährlich.

Walfangschiffe sind im Schnitt 60m lang mit 300 Bruttoregistertonnen, Kommandeure und Offiziere fahren als Partfahrer, das heißt, sie erhalten keine Heuer, sondern Anteil am Gewinn. Matrosen erhalten ein Handgeld beim Anmustern, Heuer und zusätzlich ein erfolgsabhängiges Fischgeld beim Abmustern.

Die Walfangboote, mit denen der Wal gejagt und harpuniert wird, sind Schaluppen für sechs Mann: vier Ruderer, ein Bootssteuerer, ein Harpunierer.

Die Harpune tötet den Wal in der Regel nicht, schwächt ihn aber bei der Flucht, getötet wird dann mit Lanzen. Mit den Schaluppen wird der tote Wal zum Mutterschiff geschleppt und sofort mit dem Speckschneiden, Flensen, mit speziellen sehr langen Flensmessern begonnen.

Die Verluste der Walfänger sind hoch, im Jahre 1777 derart, daß man von einer Totenreise sprach:
Nahe der kleinen Insel Jan Mayen, im Nordatlantik zwischen Nowegen und Grönland gelegen, wird eine Flotte von 27 Schiffen mit über 300 Mann Besatzung vom Eis eingeschlossen.

Die ausgehungerten Schiffbrüchigen versuchen schließlich, zu Fuß übers Eis nach Ostgrönland zu gelangen.

Doch nur eine kleine Gruppe von Seeleuten erreicht das Land und stößt auf eine Gruppe Eskimos, die ihnen helfen, eine der dänischen Kolonien zu finden. Von dort kehren sie glücklich heim. Alle anderen kommen um.

1744 endet selbst die Heimreise von den Niederlanden tragisch:
Die Walfangschiffe laufen nach guter Saison mit wertvoller Ladung glücklich nach Amsterdam ein. 100-120 friesische Walfänger schiffen sich für die Heimfahrt ein auf der Schmack des Föhrer Schiffers Pay Melfs. Westlich von Amrum, unweit des Kniepsandes überrascht sie ein schwerer Sturm aus Nordwest. Keiner überlebt.

Elf Mann von Langeneß, sieben von Nordmarsch, einige mehr von den anderen Halligen sind ertrunken, die Leichen treiben fast an den heimatlichen Strand.

Der Sage nach sollen sie "gleich angefangen haben, zu bluten, als wollten sie nach dem Tode klagen, wie es ihnen ergangen, und um ein Begräbnis bitten". (Hansen Chronik der Uthlande, 1857)

Der Walfang bringt auch Wohlstand auf die Halligen. Die Trachten der Frauen werden prächtiger, die Häuser besser ausgestattet. Noch heute kann man auf Hooge Zeugnisse davon sehen. Auch für ihre Kirchen stiften die Walfänger, dankbar über glückliche Heimkehr.

Die Tür zur Kanzel der Hooger Kirche schnitzte und stiftete 1743 ein Hooger Walfänger, sie zeigt bezeichnenderweise einen Wal. Auch eine Inschrift an der hölzernen Kirchendecke erinnert an einen dankbaren Hooger Schiffer namens Bandick Hansen.

1758 stellt zum allein Hooge 90 Seefahrer, davon 48 Kapitäne und Steuerleute, 1794 sind es 18 Schiffer, 8 Steuerleute, 70 Matrosen, Bootsleute oder Jungen.

1735 werden die Halligfriesen zu ewigen Zeiten vom Soldatendienst befreit, haben aber eine Flotte zu stellen.

GALERIE VON SCHIFFERSTOLZ UND DANK

Glücklich heimgekehrte Seefahrer stiften gerne ihrer Kirche Votivschiffe, Schnitzereien oder spenden anderweitig. Und zu Hause lassen sie voller Stolz ihre Schiffe im Bild verewigen. Oder gleich sich selbst als Schnitzerei.

Schmuck an der Kanzeltür, Hooge
Fliesenbild, Königspesel, Hooge
Schiffsbild, Tadsenmuseum
Inschrift, Hooger Kirche
Votivschiff, Kirche, Langeness
Fliesenbild, Tadsenmuseum
Kapitänsstuhl, Tadsenmuseum
Schiffsbild, Königspesel, Hooge
DIE WEIHNACHTSFLUT 1717

Um 1770 fahren fast alle Halligmänner zur See. Frauen, Kinder und Alte bleiben auf den Halligen sommers allein, während die Männer vor Spitzbergen den Wal jagen; bei der Mahd oder der Halligsicherung helfen dänische Tagelöhner aus Jütland oder Lohnknechte vom Festland. Der Erfolg der nur unregelmäßig betrieben Maßnahmen für die Erhaltung des Halliglandes ist jedoch gering, der Landverlust geht nahezu ungebremst weiter, der Landgewinn ist gering und man kann vermuten, daß die Weihnachtsflut 1717 und die große Halligflut 1825 auch deswegen so verheerend für die Halligen ausfallen, weil zu ihrem Erhalt zu wenig getan wurde.

In der Nacht vom 24. Dezember auf den 25. Dezember 1717 setzt an der Nordseeküste plötzlich ein Nordweststurm ein. Es ist noch fünf Stunden vor Hochwasser. Das Wasser steigt immer weiter. Die Deiche brechen und das Wasser ergießt sich in die tiefliegenden Küstengebiete, überall kommt es zu verheerenden Überschwemmungen.

Von insgesamt 120 Häusern auf Hallig Hooge werden 12 völlig zerstört, 60 unbewohnbar. Pastor Heimreich von Hallig Nordstrandischmoor schreibt, von 20 Hallighäusern seien nur zwei stehen geblieben. Die anderen seien "sehr übel verwüstet, ganz durchlöchert und auf Stendern öde stehen geblieben." Der Pastor erlebte vom Dachboden des Pastorats, wie die Wellen die Wände einschlugen und das Vieh, zwei Kühe, 13 Schafe "nicht ohne großes Gebrüll und Blöken vor unsern Augen ersoffen, Bett und Betgewand, Kleider, Leinenzeug, Kisten und Laden, Tische und Schränke nebst anderem Hausgerät und meiner Bibliothek aus 3 bis 400 Büchern bestehend, wegschwemmten, auch an Gold und Silber bei 200 Thalern Wert verlor, das Kupfer, Messing- und Zinngerät mit großem Geräusch niederfiel, und das Haus sich dabei sehr bewegte, daß wir daher den Tod vor Augen sahen …"

So kann es geschehen, dass der Seemann nach gefahrvoller Reise glücklich auf seine Heimathallig zurückkehren will, doch Frau und Kind, Haus und Hof sind verschwunden.

Nordöstlich von Hooge liegt noch um 1800 die Hayenshallig. Sie wird zu dieser Zeit in Erbpacht als Meedeland bewirtschaftet von Haye Brodersen. Seit den 1820er Jahren ist sie bei jeder Flut überspült und besteht nur noch aus Schlickmassen. Die Hayenshallig gehört schon kirchlich zur Gemeinde Hooge, als sie noch bewohnt ist, die Grabsteine ihrer letzten Bewohner stammen aus dem 17. Jahrhundert und finden sich an der Hooger Kirche. Um die Hayenshallig existiert eine der Sagen der Halligwelt.

An einem Ufer der Hayenshallig wohnte einst einsam eine Jungfrau in ihrem Haus. Vater und Mutter waren tot. Der Bruder befuhr die See. Als der Bruder Abschied nahm, versprach sie ihm, jede Nacht ein Licht in ihr Fenster zu setzen. Dies Licht, das weithin über die See schimmerte sollte ihm sagen, daß seine Schwester noch lebte und auf ihn wartete. Also stellte sie jeden Abend ein Licht in ihr Fenster und wartete sehnsüchtig auf den Bruder. Der Bruder wurde Steuermann und Kapitän, das Leben auf der kleinen Hallig blieb immer gleich. Die Schwester stellte allabendlich ihr Licht ins Fenster. So ging es Jahr um Jahr. Die Jungfrau ward zur Greisin. Eines Abends blieb das Licht aus. Da riefen die Nachbarn: Jetzt ist der Bruder heimgekehrt! Doch als ein Schiffer von Hooge, der nach der alten Frau sehen wollte, das Haus betrat, da fand er sie tot in ihrem Lehnstuhl am Fenster sitzen.
Eine Zeit später fuhr ein Segler ins Halligmeer, an Bord der reich gewordene Bruder. Nun wollte er seinen Lebensabend auf der Heimathallig verbringen. Doch der Segler fand die Hallig nicht. Er kreuzte hin und her, da stieß das Schiff plötzlich gegen einen Stein. Der Bruder leuchtet hinab ins Halligmeer und erkannte den Stein, auf dem er oft als Junge gesessen und auf das Meer hinausgeschaut hatte. Damals lag der Stein an der Kante der Hallig. Jetzt war rings um ihn nur rauschende See und er begriff, daß die Schwester tot und die Hallig verschwunden war. Da verlor er den Verstand, sprang über Bord und blieb auf dem Stein sitzen bis die Flut ihn verschlang.

HANDEL MIT FERNEN LÄNDERN

Als der Walfang weniger ergiebig wird, mustern Halligseeleute in der Handelsschiffahrt an, vornehmlich unter niederländischem Kommando, aber auch unter eigenen Kapitänen. Auf niederländischen Handelsschiffen fahren Halligleute bis nach Ostindien und Japan.

Die Männer von den Halligen kommen in der Handelsschiffahrt viel in der Welt herum, sind aber anders als zur Walfangzeit, oft weitaus länger fort als nur einen Sommer.

Es drohen Gefahren wie sie allen Seefahrern zu dieser Zeit widerfahren können. Stürme, Fieber und Piraten bedrohen die Schiffe und Besatzungen. Algerische Piraten von der Barbareskenküste bringen die Schiffe teilweise bereits in der offenen Nordsee auf, erpessen Lösegeld oder verkaufen die christlichen Seeleute als Sklaven. Im Jahr 1790 waren auf der Hallig Nordmarsch 2/3 der Frauen Witwen, auf den anderen Halligen sah es ähnlich aus.

"Sie waren aber nach allen vier Winden zersteut, kehrten, je weiter ihre Reisen wurden, immer seltener heim und manche derselben erst nach 10-20jähriger Abwesenheit, ließen jedoch ihre Frauen ab und zu nach Hamburg, Kopenhagen oder Amsterdam zu sich kommen und überließen denselben mehr als je das häusliche Regiment, die Kinderzucht und Viehzucht sammt dem Ackerbau daheim. Manche der Seefahrer kehrten aber nie wieder zurück, verloren in Stürmen oder Krankheit (viele durch das Gelbe Fieber in Westindien) das Leben, oft ohne je daß eine Todesnachricht von ihnen anlangte. Dadurch entstanden nun im allgemeinen seltsame Verhältnisse, und im einzelnen oft trübselige Mißverhältnisse, wie leicht zu ermessen. Manche Insulanerin wurde nie verheiratet; manche lebten einige Wochen im Ehestand und darauf Jahre, ja ihr ganzes Leben im Witwenstande; manche erzog ihre Söhne unter wilder Sorge und Mühe, sandte sie unter den besten Hoffnungen und Segenswünschen auf die See und – sah sie nie wieder. Die glücklicheren Capitänsfrauen wurden hauptsächlich durch die Reisen zu ihren Männern nach fernen und nahen Seestädten und Ländern gleich diesen für Neuerungen und Cultur, für fremde Sitten und Genüsse zugänglicher."
(C.P. Hansen, Chronik der friesischen Uthande, 1857)

Es hält der Wohlstand Einzug auf den Halligen, aber die Kluft zwischen arm und reich nimmt zu. Bedürftige Familien, die niemanden auf See haben oder deren Ernährer auf See geblieben ist, bekommen von wohlhabendem Halligleuten, in der Regel Kapitänen, Legate eingerichtet.

Die Einrichtungen in den Häusern der Wohlhabenden werden wertvoller, Uhren, Delfter Kacheln, fein gearbeitete gußeiserne Bileggeröfen, Spiegel, feine Möbel und Schmuck finden Einzug in das Hallighaus. Tee, Tabak, Kaffee, Zucker und Kartoffeln werden bekannt auf den Halligen.

Der Eigentümer des Hauses auf der Hooger Hanswarft, das später der Königspesel werden soll, ist ein erfolgreicher Kapitän namens Tade Hans Bandix. Er fährt von 1748 bis 1777 für eine Amsterdamer Reederei von der Ostsee bis in den Fernen Osten. Der Pesel ist die gute Stube, im Gegensatz zur Döns, der Alltagsstube, man feiert Feste oder Gottesdienste dort. Der Pesel von Kapitän Bandicks wird 1776 prächtig mit Fliesen aus dem niederländischen Delft ausgestattet. Der Kapitän läßt voller Stolz auch seine Schiffe als Fliesenmalerei verewigen. Im Pesel befindet sich auch ein prächtiger gußeiserner Bileggerofen vom Ende des 17. Jahrhunderts, eine überaus sinnreiche Erfindung: der Ofen wird von der nebenan liegenden Küche mit Heizmaterial bestückt. So bleibt die gute Stube sauber.

GALERIE VON SEEMANNS WOHLSTAND
Fliesenbild, Königspesel, Hooge
Standuhr, Königspesel
Fliesen, Königspesel, Hooge
Bemalter Eckschrank, Tadsenmuseum
Kapitänstruhe, Tadsenmuseum
Bilegger, Tadsenmuseum
Stube, Tadsenmuseum
Wanduhr, Tadsenmuseum
Könispesel, Hooge
Könispesel, Hooge

Der Hooger Kapitän Laurenzen hat sogar einen gewissen Einfluß auf den Lauf der Weltgeschichte.

1794 liegt die russische Bark Der junge Thomas unter dem Kommando des Hooger Kapitäns Haye Laurenzen frachtbeladen im Hafen von Le Havre. Es erscheint plötzlich ein kleiner, untersetzter Mann, offensichtlich in Verkleidung und begleitet von Dienern und bittet, an Bord genommen zu werden. Haye Laurenzen kommt dieser Bitte nach, der Flüchtling kommt an Bord und gibt sich zu erkennen als Louis Duc de Provence. Laurenzen räumt die Kapitänskajüte als Wohnung für den hohen Gast und fährt seinen Schützling acht Wochen durch Nord- und Ostsee, um ihn nach dem Tod Robespierres wieder nach Le Havre zu bringen. Der Duc de Provence überläßt Laurenzen aus Dankbarkeit seine goldene Uhr und eine silberne Teekanne nebst Tassen. Später, im Jahr 1818, der Duc de Provence ist nun König von Frankreich und nennt sich Louis XVIII, erhält Laurenzen den Lilienorden und ein Ehrengeschenk von 1000 Franc.

Anfang des 19. Jahrhunderts nimmt die Zahl der Seeleute auf den Halligen stetig ab, weil die Heuern und Erträge sinken, die Gefahren aber gleich bleiben. Mehr und mehr Halligmänner bleiben nun auf ihrer Heimathallig und werden Bauern.
Jetzt erscheinen erstmals Berichte über das Leben auf den Halligen, von Lorenz Lorenzen 1749, Jes Siemsen 1807 und Nommen Hansen im Jahr 1814.

Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Seefahrt auf den Halligen wieder etwas wichtiger, jetzt nicht mehr für niederländische Reeder, sondern für solche in Hamburg oder im damals dänischen Altona.