DIE ENTSTEHUNG
Der Name Nordstrandischmoor sagt bereits viel über die Entstehung
der Hallig aus. Lüttmoor ist mit der Hamburger Hallig die
einzige Hallig, deren Alter präzise zu bestimmen ist. Lüttmoor
entstand im Jahre 1634 in der Zweiten Großen Manndränke
als die große Insel Alt-Nordstrand oder Strand zerbrach.
Nahe dem Zentrum von Alt-Nordstrand lag damals ein Hochmoor, das
Wüste Moor genannt. Es war eine verlassene, einsame Gegend,
nur ein paar wenige sehr arme Leute hausten dort. Die Mehrheit
der Alt-Nordstrander zog die fetten Marschenböden vor. Man
fühlte sich sicher hinter den Deichen.
Als
jedoch der Norderhever-Strom am Burcharditag 1634 die Deiche durchbrach
und das flache Marschland flutete, wurde das höher liegende
wüste Moor zur Überlebenschance. Zahlreiche Bewohner
konnte sich auf das Wüste Moor retten. Wer nach der Flut
nirgendwo anders hinkonnte, blieb auf dem Moor. Damals war seine
Fläche, nun ringsum vom Meer umgeben, noch 500 Hektar groß.
Mit der Zeit wurde das Moor bei höheren Wasserständen
jetzt auch überspült und überschlickt, die Heide-
und Moorlandschaft wandelte sich in Halligrasen und Salzwiese.
Die Bewohner ernährten sich von Fischfang und Schafzucht.
Das hohe Moor bot nun auch keine ausreichenden Schutz mehr, das
Meer kam immer näher, so errichtete man bald auch die ersten
Warften. Es entstanden 16 Warften mit bescheidenen Hallighäusern.

KAMPF MIT DEM MEER
Die Halligleute waren zunächst der Gemeinde Odenbüll
auf Nordstrand zugehörig. 1642 erhielten die Moorleute aber
bereits die herzogliche Erlaubnis, eigene Gottesdienste abzuhalten.
Um eine eigene Kirche bezahlen zukönnen, bargen sie Grabsteine,
Ziegel, Glocken und Holzbohlen der 1634 im Watt versunkenen Kirchen
und verkauften sie. 1650 erhielt der Pastor das erste Pastorat,
sechs Jahre später war die Kirche fertig. 1652 trat Pastor
Anton Heimreich sein Amt an, der als Chronist der Gegend zu Berühmtheit
gelangen sollte.
Im
Jahre 1717 hatte Lüttmoor vor der Weihnachtsflut 20 Wohnungen.
Danach blieben noch zwei. 15 Halligleute waren tot. Der jüngere
Heimreich, Heinrich, hatte 1685 die Nachfolge des Vaters auf Nordstrandischmoor
angetreten. Er berichtete über die Verwüstungen der
Häuser:
"Die anderen seien sehr übel verwüstet, ganz durchlöchert
und auf Stendern öde stehen geblieben." Der Pastor erlebte
vom Dachboden des Pastorats, wie die Wellen die Wände einschlugen
und das Vieh, zwei Kühe, 13 Schafe "nicht ohne großes
Gebrüll und Blöken vor unsern Augen ersoffen, Bett und
Betgewand, Kleider, Leinenzeug, Kisten und Laden, Tische und Schränke
nebst anderem Hausgerät und meiner Bibliothek aus 3 bis 400
Büchern bestehend, wegschwemmten, auch an Gold und Silber
bei 200 Thalern Wert verlor, das Kupfer, Messing- und Zinngerät
mit großem Geräusch niederfiel, und das Haus sich dabei
sehr bewegte, daß wir daher den Tod vor Augen sahen …"
Kirche und Pastorat wureden schwer beschädigt, aber in den
folgenden Jahren einigermaßen instandgesetzt. 1756 wurde
die Kirche vollkommen zerstört, aber wieder aufgebaut, um
1825 in der Halligflut erneut Raub der Fluten zu werden. "Von
der Kirche, Schule und Küsterwohnung ist alles weggetrieben
[…]" Jetzt wurde die Halligkirche, die seit ihrer Erbauung
viermal zerstört worden war, nicht mehr wieder aufgebaut.
Die Halligleute gehöreten nach knapp 200 Jahren nun wieder
zur Nordstrandner Gemeinde Odenbüll. Das Pastorat wurde abgebrochen,
die Kirchwarft stand bis 1905 verlassen, den alten Friedhof zerstörten
die Wellen.
Die Zeit zwischen 1717 und 1825 brachte Lüttmoor einen erheblichen
Verlust an Einwohnern. Hatten vor der Weihnachtsflut noch 126
Menschen auf der Hallig gelebt, waren es weniger als hundert Jahre
später nach der Halligflut nur noch 31.
Der neue Friedhof entstand auf einer Art kleinen Toteninsel, die
Grabsteine wurden, um nicht weggespült zu werden, flach auf
dem Boden plaziert. Zwischen 1880 und 1925 bestatteten die Menschen
von Lüttmoor hier ihre Toten, seit 1926 werden auch die Halligleute
auf dem Odenbüller Friedhof bestattet.

DIE MODERNE
Erst 1914 begannen die Sicherungsarbeiten zum Erhalt der Hallig,
gerieten aber wegen des Kriegsausbruches sogleich ins Stocken.
Die Steinkante, die die Hallig heute im Süden und Westen
umgibt, entstand erst 1926-1935. Seit 1933 ist Nordstrandischmoor
durch einen Damm ans Festland angebunden, über den, ähnlich
wie auf Oland, in erster Linie der Küstenschutz Material
transportiert. Die Halligleute dürfen ihn aber zum Transport
von Waren oder Gästen nutzen. Erst seit 1975 gibt es auf
Nordstrandischmoor Strom und fließend Wasser. Die Eindeichung
der Nordstrander Bucht 1979-1983 verringerte die Entfernung der
kleinen Hallig zum Festland auf 3,5 Kilometer. Jetzt kommen im
Sommer oft auch Scharen von Tagestouristen übers Watt.