Bis zum verlorenen preussisch-dänischen Krieg von 1864 gehörte das Herzogtum
Schleswig mit den Halligen und Inseln Nordfrieslands zum Königreich Dänemark.
Der dänische König Christian VIII. verbrachte in den Jahren 1842 bis 1847 im Sommer
gern einige Zeit im aufstrebenden Badeort Wyk auf Föhr. Von dort besuchte er mit seinem Gefolge
die kleine Hallig Oland. Ein Umstand, von dem die Oländer heute bemerkenswert wenig Aufhebens
machen. Mehrere Besuche des Königs sind in zeitgenössischen Berichte festgehalten.
Ein Bericht stammt vom Sohn des damaligen Oländer Pastors Johann Rhode Friedrich Augustiny,
der von 1833 bis 1844 auf der Hallig wirkte. Der Pastor empfing Seine Majestät, führte ihn
auf der Warft herum und stellte ihm einige Halligleute vor. Sein Sohn Friedrich berichtete später
über Besuche Christans VIII. in den Jahren 1841 bis 1843:
"Auf der Hallig geschah alles, was in den geringen Mitteln
und Kräften der Bevölkerung stand, dem kleinen Lande
einen festlichen Anstrich zu geben. Zahlreiche Flaggen und Wimpel
wurden gehißt, die Häuser geschmückt und die Straßen
mit Blumen bestreut. Die Bewohner, alte und junge, legten ihre
Sonntagskleider an und begaben sich, als das Königsschiff
sich der Hallig näherte, ans Ufer, um den Landesvater zu
begrüßen. Beim Betreten des Landes sprach ein junges
Mädchen ein von meinem Vater verfaßtes Gedicht, dessen
Manuskript der König gnädigst anzunehmen geruhte. Der
erste Gang führte in die Kirche. Von dieser ging es in das
daneben liegende Pastorat, in dem ein Glas frische Milch genossen
wurde.
Danach
wurden verschiedene andere Häuser durch den hohen Besuch
geehrt, so das des alten 90jährigen ehemaligen Schiffskapitäns
Frerk Petersen. Dessen ganze Zimmerausstattung bestand aus einem
Tisch, einem großen mit Leder bezogenen Lehnstuhl und einem
Koffer, der auch als Sitz diente, wenn der Alte in seinem Zimmer
Besuch empfing. Auf diesen wollte sich auch der König setzen,
damit der alte Mann auf seinem Großvaterstuhl sitzen bleiben
konnte. Das nahm dieser unter keinen Umständen an und so
setzte sich dann der König auf diesen Stuhl.
" Für einen so alten Mann", bemerkte der König,
"ist dieser Stuhl nicht gerade besonders bequem; ich werde
Ihnen einen bequemeren schicken."
Schon am folgenden Tag brachte ein Bootsmann einen sehr geschmackvollen,
mit Sprungfedern versehenen Großvaterstuhl, der von den
Kindeskindern des alten Kapitäns in hohen Ehren gehalten
wurde.
Danach führte mein Vater den König in das Haus einer sehr armen Witwe - sie hieß
Siek -‚ die wegen gichtischen Leidens den Weg zum Ufer nicht hatte mitmachen können. Sie redete
der König, der kein Friesisch konnte, in plattdeutscher Sprache an:
" Se kann nich to mi kamen, Mudder, dorüm komm ick to
Ehr; seh Se mi mal an, ick bin de König."
Ganz verlegen antwortete die Alte: "Ach, leewer Gott, is He
de König? Sedd He sick doch en betjen dahl, si He doch so gud."
Für diese Frau ließ der König ein ansehnliches Geldgeschenk zurück. -
Das Herannahen der Ebbe mahnte zum Aufbruch.
Im nächsten Jahr wurden wieder andere Häuser besucht; die alte Siek ruhte schon
auf dem Kirchhof, während der alte Frerk Petersen sich auf dem Königsstuhl wohl fühlte.
Noch einmal, im Jahre 1843 besuchte Christian VIII. Oland und dieses Mal in Begleitung der Königin
Caroline Amalie, einer geborenen Prinzessin aus dem Hause Augustenburg. Da nun auch der alte
Frerk Petersen heimgegangen war, beschränkte sich der Besuch auf ein einziges Haus außer
dem Pastorat. Das war das unserer Nachbarin, Tine Frerksen, deren Mann auf See geblieben war und
deren Tochter der Königin einen Blumenstrauß überreicht hatte. Als der König
erfuhr, daß das junge Mädchen Braut sei, sandte er diesem einige Tage später
ein Kaffeeservice."
So weit der Bericht des Dr. Friedrich Augustiny.
Im Jahre 1844 gehörte zum Gefolge König Christians VIII. auch der Schriftseller Hans
Christian Andersen. In seinem Lebensbericht Das Märchen meines Lebens beschrieb Andersen
seinen damaligen Besuch auf Oland, der für den Dichter nicht ganz ohne Schwierigkeiten
gewesen zu sein scheint.
"Oland, das wir auf suchten, hat eine kleine Ortschaft; die
Häuser stehen eng beieinander, als wollten auch diese sich
in der Not zusammendrängen, sie sind sämtlich auf einem
Balkenrost errichtet und haben kleine Fenster wie die Schiffskajüten;
hier in dem getäfelten Stübchen sitzen halbe Jahre lang
einsam an ihrem Spinnrocken Frauen und Töchter; hier gibt es
immer eine kleine Büchersammlung, ich fand dänische, deutsche
und friesische Bücher; und während sie hier drinnen lesen
und arbeiten, steigt das Meer rings um die Häuser, die dann
daliegen wie verlassene Wracks; bisweilen treibt nächtlicherweise
ein Schiff hier an, stößt auf Grund und strandet.
Bei
der Sturmflut 1825 wurden Häuser und Menschen weggespült,
halbnackt saßen sie Tage und Nächte auf den Dächern,
bis diese versanken; der Kirchhof ist halb weggespült, Särge
und Leichen ragen aus der Brandung hervor, es ist ein erschütternder
Anblick, und dennoch lieben die Halligbewohner ihre kleine Heimat,
sie könnten es nicht aushalten, auf dem Festland zu bleiben,
sie werden hierher zurückgetrieben, am Heimweh leidend.
Mit den königlichen Herrschaften besuchte ich die Insel; das
Dampfschiff, das uns trug, blieb weit draußen liegen, es gab ein paar
Boote, die uns an Land brachten; ich hatte mich bescheiden so lange
zurückgehalten, daß ich selbst mit dem letzten Boot fast nicht
mehr mitgekommen wäre, und erreichte Oland gerade als der König umkehrte.
" Kommen Sie erst jetzt?" sagte er freundlich, "aber
beeilen Sie sich nicht, sehen Sie sich richtig um, lassen Sie das
Boot ruhig warten! Sehen Sie sich den alten Kirchhof an, und gehen
Sie dort ins Haus, und betrachten Sie die hübsche junge Frau."
Die Bewohner waren damals gerade alle auf Seefahrt in Grönland und
Holland, nur Mädchen und Frauen empfingen uns; das einzige Mannsbild auf
der Insel war erst kürzlich vom Krankenlager auf gestanden. Vor der Kirche
hatte man eine Ehrenpforte errichtet aus Blumen, die man von Föhr geholt
hatte, aber sie war so klein und niedrig, daß man außen um sie
herumgehen mußte; aber man sah den guten Willen. Den einzigen Baum der
Insel, einen Rosenstrauch, hatte man abgeschnitten, um ihn über eine
sumpfige Stelle zu legen, über die die Königin gehen mußte;
das rührte die Königin tief.
Die Mädchen sind hübsch und halb orientalisch gekleidet;
sie behaupten auch, in gerader Linie von den Griechen abzustammen.
Die Gesichter sind fast halb verhüllt, und unter dem Kopftuch
tragen sie einen roten griechischen Fes, um den das Haar in einem
Zopf geschlungen ist. Ich sah den Kirchhof, sah die hübsche
Frau in ihrem Haus, und als ich wieder zum Dampfschiff kam, gingen
wir zur Tafel; als diese beendet war und unsere Segelfahrt durch
eine Inselgruppe führte, wurde angesichts des schönen
Sonnenuntergangs das Schiffsdeck in aller Eile als Tanzsaal hergerichtet."