HABEL [HAABEL]
Habel liegt zwei Kilometer östlich von Gröde in Schutzzone
1 des Nationalparks Wattenmeer und darf daher von Fremden nicht
betreten werden. Habel hat über die Jahrhunderte den weitaus
größten Teil seiner Fläche an das Meer verloren.
Die Hallig wird von Frühjahr bis Herbst nur von einem Vogelwart
bewohnt, der im einzigen Hallighaus auf Habels einziger Warft lebt.

HABEL, EINE CHRONOLOGIE
Um 1360 Die ältesten datierbaren Funde im Raum Habel stammen
aus dem hohen Mittelalter. Das Land ging auch in der ersten Großen
Mandränke 1362 niemals ganz unter und wurde durch Sediment
über die Jahrhunderte ständig erhöht - die heutige
Hallig liegt etwa 3 Meter über dem mittelalterlichen Kulturland.
In der Liste der Kirchspiele des Bischofs Nicolaus Brun (amtierte
1350-1367) gehört Habel, „Habelen“ genannt, zur
„Veltringharde“.
Um 1580 In seiner "En korte Beschrivinge
des Lendlins Nordstrandes" nennt Johannes Petreus (1540-1603)
unter "Beltringhard" auch "Habell, darup dre oder
4 huser, gehoren tho Buptee Carspell, als ock Habet odd…"
"Huser" bedeutet hier wohl eher Warften.
Habel besitzt damals noch vier Warften und gehörte zum Kirchspiel
Buptee. Vorgelagert liegt "Habel odd", eine kleine unbewohnte
Hallig, die einst Teil von Habel war. Habel hat Ausmaße von
5/16 Meilen größte Länge von West nach Ost und 3/16
Meilen größte Breite von Nord nach Süd.
1588 Auf der Seekarte des Niederländers L.J.
Waghenaer ist Habel genannt. Nach dieser Karte ist Habel sogar größer
als Hooge oder Langeness und so groß wie Gröde oder Nordmarsch.
Nur Oland ist größer.
1637 Peter Sax erwähnt in seiner "Description Insulae
Nordstrandiae" die Hallig "Habell".
1634 In der Zweiten Großen Mandränke
bahnt sich die Flut die Hever ihren Weg in nördliche Richtung,
vernichtet Alt-Nordstrand und verzweigt sich bis vor Hallig Habel.
Dort nagt sie bis heute am Wattsockel.
1660 Die Jahre nach dem Dreissigjährigen
Krieg sind weiterhin unruhige Jahre, selbst auf die Halligen schwappt
manchmal etwas vom Ärger der großen Welt. Die meisten
Männer von Habel sind auf Walfang. Auf der Hallig bleiben nur
die Frauen zurück.
„Im Frühling des 1660sten Jahres seyn einige von den
auf Fahretoft gelegenen brandenburgischen Soldaten hinüber
auf Habel gefahren, und haben daselbst Hans Petersens Güter
geplündert, und darüber seinen Schwager erschossen."
schreibt der Pastor von Nordstrandischmoor, Heimreich
Auch im 18. Jahrhundert fahren die Männer von Habel meist zur
See.
1711 Im "Haupt- und Geldregister der hochfürstlichen
Landschaft Nordstrand" vom 1.Januar 1711 findet sich die älteste
Nachricht über den Flächeninhalt von Habel. Er beträgt
23 Demat (etwa 12 Hektar) an Weideland. Die Berechnung dient als
Steuergrundlage.
Die herzoglichen Kommissare Clasen und Sibbers besuchen Habel und
machen Vorschläge zu einer Dammverbindung von Habel mit Herst
(Horst). Zwischen beiden Halligen stünden "nur vier Fuß
Wasser". So glauben die Kommissare, das ein Dückeldamm
ohne Schwierigkeiten gebaut werden könne.
1719 Im Kirchenregister Gröde-Habel findet
sich eine Häufung von Todesfällen, die alle schnell aufeinader
folgten:
Hans Brodersen verliert zwei Töchter und zwei Söhne zwischen
17 und 21 Jahren. Alle sterben innerhalb drei Wochen. Christian
Jensen verliert zur selben Zeit seinen achtjährigen Sohn. Vielleicht
war eine Infektionskrankheit die Todesursache, migebracht von einem
heimkehrenden Seemann oder gar die Pest, eingeschleppt von plündernden
Schweden oder Russen im Nordischen Krieg?
1770 Auf Habel leben 7 Familien, schreibt der
Pellwormer Landschreiber Müller.
1789 Habel ist 12 Demat und 155 Ruten groß.
Die Schätzungen liegen regelmäßig unter der tatsächlichen
Größe, da sie von den Halligleuten selbst erhoben wurden
und Grundlage für die Steuerfestlegungen waren.
1802 Die amtliche Vermessung von Landvermesser
Harcksen ergibt für Habel 90 Demat, 2 Saaten, 8 Ruten, 9 Fuß.
Nach dem neuen Hamburger Maß entspricht das 181 Demat.
1804 Die aktuelle Karte von Harcksen zeigt eine
Vergrößerung der Flureinteilung, Halligpriele folgen
dem Verlauf der alten Entwässerungsgräben, die Oberfläche
hat sich durch Sedimentation erhöht, aber durch Kantenabruch
vermindert.
1818 zeigt Habel 425 Ruten größte Länge
und 150 Ruten größte Breite. Es leben fünf Familien
auf der Hallig.
1825 Nach der Halligflut. Lüder berichtet
über Habel, daß das "niedrige Eiland voller Sicken
sei und im Nordosten, wo das Ufer flach, dem Abspülen am wenigsten
unterworfen" wäre.
Norderwarf ist laut Lüders "nach allen Seiten, vorzüglich
nach Westen [...] außerordentlich beschädigt." Die
beiden verbleibenden Häuser standen unter einem Dach. Süderwarf
ist ein "recht guter Warf, indessen nicht wenig, besonders
im Westen vom Kamm abgespült; jetzt wird erhöht, und zwar
bis 14 Fuß über die Gröde im Soot." Süderwarft
ist eine große Warft mit mehreren Fethingen und einigen Brunnen.
1859 Habel hat von 153 Tonnen Nutzfläche
im Jahre 1802 mit 71 Tonnen fast die Hälfte der Nutzfläche
verloren. Jetzt sind nur noch 82 Tonnen übrig. 1 Tonne sind
260 Ruten, 220 Ruten sind 1 Demat, Hamburger Maß.
Um 1860 Auf Habel ist nur noch Norderwarf bewohnt,
aber "in starkem Abbruche begriffen".
Habel sei, schrieb Deichinspektor Bruun, ein Schutz für das
Festland, weil es die Süderaue begrenze. Bruun will die Uferkanten
abflachen und Erdlahnungen durch Buschlahnungen ersetzen. Vor allem
die Südostspitze sei aus strömungstechnischen Gründen
unbedingt zu erhalten. Auf längere Sicht erhofft man eine Verbindung
zwischen Gröde, Apelland und Habel und vielleicht später
zum Festland. Das Seegatt zur Hamburger Hallig hin hält man
für nicht durchdämmbar.
1863 Eine Sturmflut verursacht am 14/15 Oktober
auf Habel schwere Schäden - sonst kaum im ganzen Nordseeraum.
Die Warft wird stark beschädigt.
1864 Der preussisch-dänische Krieg verhindert
jede Halligschutzaktivität.
1882 In der Gröder Schulchronik steht zu
lesen: "Auf Habel sind 2 Warften, eine bewohnt mit 2 Häusern;
eine bald zerstört mit kleiner Viehhütte. Die schulpflichtigen
Kinder von Habel sind auf Kosten der Regierung nach Gröde in
Pflege gegeben."
1896 Die preussichen Gelder zur Befestigung der
Halligen werden genehmigt. Die ersten Sicherungsmassnahmen sind
1902 im wesentlichen abgeschlossen.
1900 EugenTraeger schreibt: " Der weitere
Plan der königlichen Bauverwaltung geht nun dahin, auch Gröde
nebst Habel und weiter südlich Klein-Moor in derselben Weise
wie Oland an das Festland anzugliedern.[...] Die Hauptarbeit wird
aber auch hier bei Gröde der Verbindungsdamm mit dem Festland
in der Richtung auf Ockholm sein, in einer länge von rund 5
% km. Von ihm ist ein kurzer Verbindungsdamm nach der winzigen Hallig
Habel geplant, ein sehr glücklicher Gedanke, der die südliche
Aufschlickung unbedingt befördern wird."
Der Damm Gröde-Festland und auch der Damm Gröde-Habel
wird nie gebaut.
Die Wasserbauinspektion Husum schreibt in einem Gutachten: Habel
liegt an der West- und Südseite im Abbruch und wird auch weiteres
Land einbüßen, solange keine Schutzmaßnahmen getroffen
werden.
Habel
ernährt um jetzt acht Stück Rindvieh und 32 Schafe. Auf
Norderwart lebt der Besitzer von Habel, Meinert Nommensen, in einem
Hallighaus, das zweite ist baufällig, zum Teil abgebrochen,
wird als Stall genutzt. Ein Fething ist vorhanden, zwei gemauerte
Zisternen und ein jetzt wasserloser artesischer Brunnen.
Meinert Nommensen von Gröde, Kapitän zur See, hat Habel
vom Ehepaar Paulsen gekauft und lebte dort mit seiner Frau Regine.
1905 Meinert Nommensen verkauft Habel im Dezember
für 6000 Mark an den preußischen Staat. Nommensens bleiben
aber Pächter.
Um 1920 Theodor Möller besucht Habel und
nennt sie „sterbende Hallig, dem Untergang geweiht“.
Möller beschreibt eine Traumszene: "Ein Boot gleitet dem
Festland zu, als aus den Wellen ein dunkler Kleiblock taucht, auf
dem ein paar Austernfischer sitzen, während der Bootsmann sagt
"Dort lag einst Hallig Habel".“
1916 - 1919 Schwere Sturmfluten richten auf Habel
wiederholt erhebliche Schäden an.
1923 Eine besonders unerwartete Sommerflut setzt
den Halligen übel zu. Der Damm Gröde-Apelland wird völlig
zerstört. Es ist nun extrem Iebensgefährlich, länger
auf Habel zu wohnen. Regine Nommensen verlässt Habel im Oktober
und zieht nach Lorenzwarft auf Hooge.
Die Pachtstelle auf Habel übernahmen in den nächsten Jahrzehnten
verschiedene Pächter.
1928 Im Jahrbuch des Nordfriesischen Vereins steht
über Habel "Die Halligkante ist arg zerstört, nur
zehn Demat nutzbares Land hat Habel noch; mit Buhnen sucht man die
abbröckelnde Halligkante festzuhalten. Spuren alter Buhnen
im Watt reden von der Erfolglosigkeit der Arbeit."
1932 Bereits vor dem II. Weltkrieg übernimmt
der Verein Jordsand Hallig Habel vom Vorpächter, dem Niebüller
Gastwirt Heinrich Hansen, der eine Entschädigung dafür
erhält, dass er keine Eier mehr sammelt. Ab Frühjahr wird
der Verein Jordsand Pächter von Habel und stellt einen Vogelwart
ein.
Der damalige Vorsitzende des Vereins Jordsand schreibt an den Vogelwart
Petersen: "Da müssen Sie recht geschickt vorgehen: zunächst
erzählen Sie von den schönen Vögeln und dem Verein
Jordsand, der vor 25 Jahren sie vor dem Aussterben an der schleswig-hoLsteinischen
Küste gerettet hat. Dann hoI' die Leute der Deubel, wenn sie
nicht mithelfen wollen. Wer noch nicht mit dem einen Fuß im
Grabe und mit dem anderen am Hungertuch nagt, wird eben Mitglied."
1933 Das Preußische Wasserbauamt Husum stellt
fest, dass die ungeschützten Ufer Habels dauernd abbrechen.
Steindecken im Norden, Westen und Süden seien dringend erforderlich.
1934 Ende August ist die Befestigung Habels endlich
in Angiff genommen.
1934-1948 Der Bongsieler Gastwirt Rasmus Thamsen
pachtet die Hallig. Er bringt seine Jagd-, Dichter- und Malerfreunde
auf Habel unter.
1944-45 Gegen Ende des Krieges fallen Bomben auf
Gröde und Habel, vermutlich als Notabwürfe. Im Oktober
1944 treibt die Leiche eines australischen Piloten auf Habel an.
1948-50 Habel dient in den Sommern der ersten
Nachkriegsjahre als eine Art Ferienhallig für Schulkinder aus
Husum. Die Befestigungen der Hallig haben mangels Pflege im Krieg
stark gelitten.
1951 Das Hallighaus ist stark renovierungsbedürftig,
besonders das Reetdach muss erneuert werden.
1952 Habel hat neue Befestigungen erhalten.
1956 Auf Hallig Habel, noch sieben Hektar groß,
leben zwei Menschen.
1959 Der Husumer Wollkaufmann Andresen pachtet
Habel. Er verpflichtete sich, Schafe zu halten und nicht unterzuverpachten.
Andresen baut höhere Türen ins Hallighaus, ersetzt die
Alkoven durch Betten. Er hält dort Schafe, Hühner und
Enten. Damals fahren noch Ausflugsschiffe nach Habel.
1962 Hamburg-Flut. Auch Habel nimmt schwer Schaden.
1967 Nach der Sturmflut von 1962 wird ein Kostenvoranschlag
für die Küstensicherung auf Hooge, Gröde und Habel
gemacht. 170000 DM werden geschätzt für 1500m Steindecke,
250 Meter Eisenspundwand, 300 Meter Holzspundwand, 520 Meter Schüttsteinbuhnen.
1969 In einem Kostenvoranschlag für die Sicherung
von Habel wird nochmals betont, Habel verhindere zusammen mit Gröde
und dem Rocheley-Sand "die Vereinigung der Wattströme
Schlütt und Süderaue vor dem Festland, wodurch eine gefährliche
Küstenströmung entstehen würde." So wird auf
Habel erneut am Erhalt der kleinen Hallig gearbeitet, es entstehen
in den nächsten Jahren Hinterpflasterungen, Sodendeckungen,
Buhnen und Lahnungen.
1976 Schwere Sturmflut. Der Wasserstand ist noch
höher als 1962. Es gibt jedoch weniger Schäden und keine
Opfer. Die Sicherungsmaßnahmen greifen.
1981 bricht erneut eine schwere Sturmflut über
die Halligen. Habel ist zu dieser Zeit unbewohnt und wird schwer
in Mitleidenschaft gezogen. Das Haus wird nahezu zerstört,
nur die Nordwand bleibt erhalten. So muss es fast neu gebaut werden.
Das Land Schleswig-Holstein gibt die Verpachtung an Privatpächter
auf. Die hallig wird instandgesetzt.
1983 Der Verein Jordsand pachtet erneut für
1000 DM jährlich die Hallig. Seitdem ist auf Habel jedes Jahr
von März bis Oktober ein Vogelwart, heute meist ein Zivildienstleistender,
untergebracht. Zu seinen Aufgaben gehören neben der Zählung
der Vögel vor allem Arbeiten zum Erhalt der Hallig - die Steinkante
überwachen und pflegen, ggf. kleinere Reparaturen durchführen,
nach Landunter den Spülsaum säubern, die Gräben instandzuhalten
– und zum Erhalt des Hallighauses. Dazu existiert eine kleine
Werkstatt im Haus. Fließend Wasser oder elektrischen Strom
gibt es auf Habel nicht. Habel hat noch 3,6 Hektar Fläche.
1985 Habel gehört jetzt zu Zone I des Nationalparks
Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer zugerechnet. Die Hallig ist
für den Tourismus gesperrt.

EINE STURMFLUT
Elfriede Rotermund, Pastorengattin und Schriftstellerin, zu Gast
bei Familie Nommensen auf Hallig Habel beschreibt in ihrem Tagebuch
die Sturmflut vom 2. und 3. Dezember 1909. In ihrem Roman Godber
Godbersen wird der Leser einige Schilderungen wiederfinden
...
Wenige Tage vor der Flut sind Meinert Nommensen und Tochter Gina
ans Festland gefahren, um Wintereinkäufe zu machen. Regine
Nommensen und Elfriede Rotermund waren allein auf der Hallig.
Samstag 27. November 1909:
"Alles auf diesem winzigen Eilande predigt erschütternd
Vernichtung, Untergang und Tod. Jede Flut nagt an der Kante, jede
Tide bröckelt und reißt ihr Teilchen vom Lande ab. Davon
gibt die zerklüftete Westkante und die zerfressene Südkante
ein erschreckendes Zeugnis."
Sonntag, 28.November:
"Aus unserer kleinen Warf, inmitten der von vielen Prielen
und Rinnsalen zerpflückten Fennen, leben drei Menschen ihr
einsames Leben. Von der Größe ihrer Einsamkeit macht
man wie er sich so leicht keinen Begriff. Wochen, ja oft monatelang,
sind sie wintertags von jeglicher Nachricht abgeschnitten, und doch
leben sie still und zufrieden."
Dienstag, 30.November:
"Der Wind ist vor einer Stunde umgesprungen. Da fing das Meer
an zu brüllen wie im Zorn, und seine Wogen stürzten wie
eine Schar wilder Rosse, Schaum vor den Mäulern und mit fliegenden
Mähnen. Zum Fürchten, grauenvoll schön, und wie die
Stimme eines rächenden Gottes klang es durch das entfesselte
Element."
Meinert Nommensen und Tochter Gina sind immer noch am Festland.
Donnerstag, 2. Dezember:
"Inzwischen ist die See im Westen tiefschwarz geworden. Als
wäre ein furchtbares Ungeheuer aus der Tiefe des Horizontes
gestiegen, so werden die Wolkenballen gepackt und wie mit großen,
kralligen Fäusten zerrissen. Die weißschäumenden
Wellen springen auf, und im tanzenden Wirbel geht's schon über
die Halligkante. [...] Schon fliegt der Gischt gegen das Fenster
und über das ganze Haus. Es ist gegen fünf Uhr, und kurz
nach sieben ist erst Hochwasser. [...] Schon steht die Brandung
gegen die Höhe der Warf. Mit gräßlichem Donnern
bricht sie, knickt die Eichenpfähle des Gartenzauns wie Streichhölzer.
[...] Eine Stunde über Fluthöhe steigt das Wasser! Man
weiß kaum, was stärker heult, der Sturm oder die Flut.
Eine lähmende Starrheit kommt über uns beide.[...]
Das Barometer fällt tiefer auf Sturm, das Wasser steigt höher.
Die Ausläufer der Wellen schießen schon an der Hauswand
empor. Es ist furchterregend und großartig zugleich. Die Brecher
an der Warf singen, nein, brüllen mit donnerähnlichem
Getöse ohne Erbarmen ihren jauchzenden Siegesgesang, und das
Gefolge, die hinterdreinjagende Meute schwarzer Flutwölfe,
pfeift heulend Beifall."
Freitag, 3. Dezember:
Regine Nommensen und Elfriede Rotermund versuchen die ganze Nacht
über, Vorräte aus dem Keller auf den Boden in Sicherheit
zu bringen, bevor das Wasser alles verdirbt. Sie bergen Möbel,
Wäsche, Betten nach oben. Der Orkan nimmt immer mehr zu. Das
Barometer hat "den tiefsten Stand seit Jahrzehnten erreicht:
es zeigte 737 mm". Soodbrunnen und Fething sind bereits mit
Salzwasser vollgelaufen.
"Gischtfahnen spritzen hoch und brechen in Wasserstürzen
auf die Dächer nieder." Am nächsten Morgen „wieder
keine Ebbe! Nicht einmal die Fennen wurden frei."
Die Frauen versuchen, das Vieh zu versorgen, Türen und Luken
abzudichten. Abends war die Flut so hoch, "daß die Wellen
schon die Warf anfraßen - das ganze Steinpflaster (...) war
von ihnen aufgerissen."
Stunden saßen die beiden Frauen "schaudernd vor Kälte
auf dem Hausboden". Brecher rissen die Südertür auf.
Die Frauen flüchteten auf das Dach.
"Jeder Versuch einer Verständigung durch Worte erstickte
in diesem Getöse, und es war uns auch nicht nach Reden zumute.
(...) Wieder ein heftiger Anprall Die Dachsparren über unseren
Köpfen stöhnen. Im Gebälk wimmert und ächzt
es wie Hohngelächter. Jetzt, nein, doch nicht! Wie oft habe
ich so das Letzte erwartet! Das Höllenspektakel ist auf seinem
Höhepunkt! Die Kühe werden unruhig, die Schafe, die wohl
schon bis an die Köpfe im Wasser stehen, blöken aus ihrer
Todesangst qualvoll auf. Wie irrsinnig tost und schnaubt es einlaßbegehrend
ums Haus! Da - ein wütender Stoß! Mit ungeheurer Gewalt
rast der Blanke Hans gegen die Mauer - und sie gibt nach! [...]
Dumpf und bang verstreichen die nächsten Sekunden und werden
zu Ewigkeiten. Das wachsbleiche Gesicht der alten Friesin ist wie
versteinert. Ich weiß nicht, wie lange es dauert. Vom Schrecken
gebannt, keines Wortes mächtig, erwarten wir beiden Todgeweihten
den Untergang. […] Da noch ein grauenhafter Stoß! Schlimmer
als der vorangegangene! Krachend bricht ein Stück der Ostwand
des Hauses. Die Wogen gehen nun quer hindurch... Doch der Sturm
läßt nach, und das Wasser steigt nicht mehr. Aber es
dauert noch Stunden, ehe wir hinab können."
Das Wasser fällt langsam, Regine Nommensen und Elfriede Rotermund
haben überlebt, Rotermund nennt es " ein Gnadengeschenk
des Himmels".
Samstag, 4. Dezember:
"Der Tag verging mit Arbeit. Die Norderstube und die Kellerkammer
sind glücklicherweise bewohnbar geblieben. Wir haben uns in
letzterer ein Lager gemacht. Man ist todmüde."
Mit der Frühtide des kommen Vater und Tochter Nommensen heim
und sehen die Zerstörung. Elfriede Rotermund: „Frau Regina
erzählte den Ihren unser Erleben und gebrauchte nicht mehr
als drei Minuten dazu."

BILDERGALERIE
Da man Habel nicht betreten darf, Bilder von weiter weg ...
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