Die
Hallig Südfall liegt ungefähr zwischen Pellworm und Nordstrand.
Sie wird von zwei Personen ganzjährig bewohnt. Die Hallig gehört
zur Gemeinde Pellworm. An der Stelle des heutigen Südfall lag
im Mittelalter wahrscheinlich der legendäre Hafenort Rungholt.

RUNGHOLT
Alle sieben Jahre, sagt man, erklingt die Glocke von Rungholt in
der Johannisnacht. Hören, sagt man zur Sicherheit ebenfalls,
können das allerdings nur Sonntagskinder.
Der Legende nach wurde Rungholt als Strafe für Reichtum und
Gottlosigkeit zerstört. Eines Abends, berichtete Anton Heimreich
1666, hätten einige Bauern in einer Schenke zusammen getrunken.
Betrunken und übermütig, ersannen sie einen Scherz: Das
Schwein des Wirt machten sie betrunken und riefen dann den Pfarrer,
einem Kranken die letzte Ölung zu geben. Als der Pfarrer kam
und erkannte, dass der Kranke ein Schwein war, weigerte er sich
entrüstet, einem Tier die Sakramente zu spenden. Die Bauern
drohten ihm Prügel an, doch der Pfarrer entkam.
Zwei
der Bauern verfolgten den Geistlichen jedoch und fingen ihn auf
der Straße ab. Der Pfarrer erkannte sie nicht und berichtete
noch voller Zorn, welche Beleidigung der Sakramente geschehen war.
Die Bauern baten um die Büchse mit den Hostien. Als der Pfarrer
die Hostien vorzeigte, gossen die Bauern Bier in die Büchse,
lachten und riefen: Wenn die Hostien der Leib Jesu sind, dann ist
der jetzt unser Saufkumpan!
Der Pfarrer floh in die nächste Kirche und betete, dass der Frevel gerächt werde.
In derselben Nacht hatte er einen Traum, in dem er gewarnt wurde, die Stadt sofort zu verlassen,
Gott werde Stadt und Menschen vernichten.
Der Pfarrer verließ sofort die Stadt und war kaum
fort, als die große Sturmflut kam. Nur er und zwei Mädchen, die an einem anderen Ort
gewesen waren überlebten die Flut als einzige Bewohner Rungholts.
Soweit die Legende.
Die Stadt Rungholt war jedoch sicher kein reiches norddeutsches
Atlantis mit großer Kirche und weithin hörbarer Glocke,
sondern eher ein regional bedeutender Küstenort mit vielleicht
1000 Einwohnern und einem kleinen Hafen, von dem aus die Friesen
Salz und Vieh handelten. Rungholt gehörte als eines von sieben
Kirchspielen zum Strand, einer von vielen Wasserläufen durchzogenen
Landschaft aus Mooren und Marschen. Der Meeresspiegel stieg jedoch
und der Strand geriet immer mehr in den zerstörerischen Einflussbereich
zweier Seegatten: Fallstief (Norderhever) und Heverstrom. In der
Ersten Groten Mandränke, der Katastrophenflut am 15. und 16.
Januar 1362, brach der Norderheverstrom entlang sandgefüllter
eiszeitlicher Stromtäler ins Land ein. Die Stadt Rungholt wurde
vollständig zerstört.

SÜDFALL GESTERN
Zwischen Norderhever und Heverstrom blieb jedoch höheres Land
stehen, das festeren, tonigen Untergrund auswies. Deichreste blieben
erhalten, Siele und Vorland. Sediment lagerte sich ab, Neuland erhob
sich über das mittlere Tidehochwasser – die erste Hallig mit
Namen Südfall entstand. In direkter Nachbarschaft lagen noch
zwei weitere Halligen: Nubel und Nielandt. Doch Nubel wurde von
den Fluten zerstört, auch das alte Südfall wurde unbewohnbar.
Die Bewohner zogen nach Nielandt, dass, weil sich dort die Bewohner
des untergegangenen Südfall ansiedelten, fortan Südfall
hieß.
In
der Zweiten Groten Mandränke, der Burchardiflut von 1634, brach
der Norderheverstrom durch die große Insel Strand und teilte
sie in zwei Hälften: Nordstrand und Pellworm. Auch Südfall
verlor zwei Drittel seiner Fläche, viele Einwohner kamen zu
Tode. Die verbliebenen Bewohner der Hallig fristeten ein eher karges
Leben mit Strandraub und Plünderung. Seit 1711 gab es auf Südfall
aber sogar wieder einen Krog.
Südfall liegt zwischen den großen Wattströmen Norderhever im Westen und Heverstrom
im Süden. Und im Südwesten frisst sich das Dwarsloch, dass früher Norderhever und
Heverstrom verband.
Im Jahre 1807 war die Hallig 233 Hektar groß. Die Süderwarft jedoch lag sehr
nah an der Kante und wurde schon damals aufgegeben. Die große Halligflut 1825 zerschlug alle
Häuser, zerstörte die drei Warften und tötete sämtliche Einwohner, immerhin
zwölf Familien. Die Fläche der Hallig wurde um die Hälfte kleiner. Doch selbst nach
dieser verheerenden Katastrophe wurde die kleine Hallig wieder besiedelt. 1828 wurde die heutige Warft
errichtet. Die Bewohner von Südfall versahen auch den Lotsendienst für eingehende Schiffe
nach Husum. Die Eigentümer der Hallig wechselten jedoch oft.

DIE HALLIGGRÄFIN VON SÜDFALL
Im
Jahre 1910 erwarb die damals 47 Jahre alte Gräfin Diana Henriette
Adelaïde Charlotte von Reventlow-Criminil die Hallig Südfall.
Sie ließ das alte Hallighaus auf der einzigen Warft abreißen
und errichtete eine moderne Villa für sich, ihre Tiere und
ihr Personal. Die Halliggräfin entstammte einem Zweig der Reventlows
von Gut Emkendorf, Holstein. Sie hatte längere am dänischen
Königshof gelebt, war durch ganz Europa gereist und hatte,
eigensinnig wie sie war, alle Heiratsangebote zurückgewiesen.
Als die Gräfin ihr Haus auf der Hallig Südfall bezog brachte
sie einen Kutscher mit, eine Gouvernante, ein Hausmädchen und
eine Köchin. Auch ihre Pferde und Hunde brachte sie mit nach
Südfall. Tieren, sagt man, habe die Gräfin immer mehr
Zuneigung entgegengebracht als Menschen. So verbrachte sie im Alter
von über 70 Jahren in einer Sturmflutnacht eine Nacht bis zur
Hüfte im Wasser stehend bei ihren Pferden im Stall, redete
ihnen gut zu und beruhigte ihre Tiere.
Zwischen den Kriegen war der Rungholt-Forscher Andreas Busch von Nordstrand häufig zu
Gast bei der Gräfin. Die Gräfin unterstützte die Rungholt-Forschung, auch ihr
Neffe entdeckte Kulturspuren im Watt.
Im Jahr 1943 wurde ein britischer Pilot über der Nordsee abgeschossen. Der junge Mann gelangte auf
eine Sandbank, entdeckte Siedlungsspuren und glaubte sich gerettet. Er ließ sich nieder und spielte auf
einer alten Flöte, die er gefunden hatte, ein kleines Lied. Weit trug der Schall übers Watt bis zur Hallig,
wo die Gräfin das Flötenspiel hörte. Frau von Reventlow-Criminil kannte das Watt um ihre Hallig wie ihr eigenes
Zimmer, seit Jahrzehnten hatte sie immer wieder ausgedehnte Touren ins Watt unternommen. Nun machte sich die
80jährige Gräfin auf, den Flötenspieler zu suchen. Schließlich fand sie den Piloten auf den Resten eines alten
Sodbrunnens sitzend. Der junge Mann stellte sich als Engländer vor, er sei tags zuvor abgeschossen worden.
Als er an eine Sandbank gelangte, glaubte er sich am Ufer und ließ das
Boot zurück. Er wusste nicht, dass er mitten im Gezeitenmeer saß. Die Gräfin nahm den Piloten mit auf ihre
Hallig und beherbergte ihn einige Wochen. Tagsüber verbarg sich der junge Mann, nur abends konnte er das
Haus verlassen. Eines Tages verschwand er. Ein Zettel informierte die Gräfin, er ginge durchs Watt nach
Nordstrand um sich dort zu stellen. Die alte Flöte, eine Okarina aus dem Mittelalter, kann man
bis heute im Nordseemuseum bisichtigen.
Der neunzigste Geburtstag der Gräfin im Jahr 1953 wurde noch
groß gefeiert, doch ein Jahr später verstarb die Halliggräfin
von Südfall. Vier Pferde zogen den gräflichen Leichnam
übers Watt. Von ihrem Vermögen blieb nur die Hallig Südfall.
Schätze suchten die Erben vergebens.

SÜDFALL HEUTE
1954
erwarb das Land Schleswig-Holstein die Hallig für 20000 DM
und verpachtete sie an einen Landwirt von Nordstrand. Der ließ
die baufällige Villa der Halliggräfin abreißen und
ein modernes Hallighaus mit Sturmflutschutzraum bauen. Seit 1957
betreut der Verein Jordsand auch Hallig Südfall, seit 1959
steht sie unter Naturschutz.
Heute ist Südfall noch 56 Hektar groß. Die Hallig ist nur durch
starke Befestigung der Halligkante zu halten. Südfall ist wichtiger
Wellenbrecher für die Deiche von Nordstrand.
Südfall ist Naturschutzgebiet zum Schutz von Pflanzen und Tieren. Die
Hallig gehört zur Schutzzone 1 des Nationalparks. Man gelangt zu Fuß
durchs Watt oder mit der Kutsche die Hallig, jedoch nur in organisierten Gruppen.
Auch geführte Gruppen dürfen nur einen kleinen Teil der Halligfläche
betreten. Die Salzwiesen von Südfall werden nicht beweidet. Deshalb gibt es
dort große Vorkommen typischer Salzwiesenpflanzen wie Strand-Grasnelke,
Strand-Beifuss, Strandflieder oder Strandaster.
Die derzeitigen Pächter versehen seit 1999 den Dienst als
Hallig- und Nationalparkwart und betreuen die SAR-Funkstation der DGzRS.